Bilder für die Nachwelt

Bei einem einmaligen Fotoprojekt setzen sich die Einwohner eines kleinen Barnim-Dorfes in Szene

von Katrin Bischoff

 
Hatten für ihr Fotomotiv eine tierisch gute Idee: die alteingesessenen Zwillinge Jörn (l.) und Karsten Polczynski.
Foto: Frank Günther

Tuchen-Klobbicke - Es ist ein Dorf wie jedes andere. Könnte man denken. Am Tage sind die Straßen leer. Die Leute fahren morgens nach Eberswalde oder ins nahe Berlin zur Arbeit. Zum Feierabend bleiben die Alteingesessenen von Tuchen-Klobbicke (Barnim) unter sich, die Zugezogenen kommen mit den "Alten" kaum ins Gespräch. Es gibt keinen Dorfladen mehr, auch keine Kneipe. Und somit auch keinen Ort, an dem sich die Leute treffen, quatschen und Neues über die Nachbarn erfahren können.

Sind wir inzwischen ein typisches Schlafdorf? Das fragte sich auch Aija Torklere vom Verein Fachwerkkirche Tuchen. Und entwickelte dann ein Projekt, das wohl einzigartig in Brandenburg ist. "Wir von hier" heißt es. "Es soll das Urgestein, die Heimkehrer und die Zugezogenen zusammenbringen", sagt Torklere. Alles fing damit an, dass die 35-Jährige vergilbte Fotos aus dem Dorf in die Hand bekam. "Niemand konnte sagen, wer da eigentlich drauf zu sehen ist", sagt sie. Und so sei ihr die Idee gekommen, die Einwohner von Tuchen-Klobbicke von einem Profi fotografieren zu lassen. Am besten vor ihren Häusern. Es sollte den Leuten Gelegenheit geben, ins Gespräch zu kommen und ihre Geschichte zu erzählen.

80 Familien konnten überzeugt werden mitzumachen. Der älteste Teilnehmer ist 91, der jüngste gerade mal vier Monate alt. Entstanden sind wunderschöne Bilder in Schwarz-Weiß - ein bisschen nachempfunden den historischen Fotos. Sie zeigen Menschen mit den unterschiedlichsten Biografien, vor den unterschiedlichsten Häusern - alte, restaurierte, neu gebaute. Momentaufnahmen im Leben eines Dorfes.

Da ist beispielsweise Inge Fredrich. Die 81-Jährige ließ sich vor der Tür ihres Bauernhauses aus der Gründerzeit ablichten. Sie ist eine Alteingesessene, eine echte Klobbickanerin, wie sie sagt. Schon ihre Eltern lebten hier. "Meine Mutter hat als Köchin das ganze Dorf bekocht", sagt sie. "Allein dort drüben", sie zeigt auf ein Nachbarhaus, "wohnten sieben Kinder." Es gab Gaststätten, einen Laden, zwei Schneider, zwei Schmiede. In Klobbicke sei wirklich was los gewesen.

Nach der Heirat zog sie 1951 nach Biesenthal. Eigentlich habe sie nie mehr zurückgewollt. Doch ihr Mann habe sich in Klobbicke in ein Haus verliebt. 1987 kehrten sie zurück. Mittlerweile ist Inge Fredrich Witwe. Warum sie sich hat fotografieren lassen? "Der Zusammenhalt im Dorf lässt wirklich zu wünschen übrig", sagt sie diplomatisch. Ihr Nachbar war es, der sie davon überzeugt hat, bei dem Projekt mitzumachen. "Vielleicht kommen wir hier wirklich wieder etwas mehr ins Gespräch, wenn die Fotos ausgestellt werden", sagt sie.

Der Nachbar, der die alte Dame überzeugt hat, heißt Jörg Schiele. Schiele ist Vorsitzender des Vereins Fachwerkkirche Tuchen. Er sagt, die Fotos machen die Leute im Ort wieder neugierig aufeinander. "Die stehen davor und fragen sich, wer das und das wohl ist", sagt der selbstständige Unternehmensberater. Bei einer ersten Ausstellung während des Adventsmarktes im Dezember hat er das gespürt. Aus Platzgründen wurden nur 18 Fotos gezeigt. 1000 Besucher kamen an den zwei Tagen. "Davon träumt manche Fotogalerie", sagt Schiele.

Für den Bernauer Fotografen Frank Günther war es ein spannendes Vorhaben. "Jeder konnte sich so zeigen, wie er wollte. Egal ob im Anzug oder in Arbeitsklamotten", sagt er. Er habe die Menschen authentisch rüberbringen wollen. Der 38-jährige Fotograf erzählt auch, dass er keinen im Dorf mit aller Macht überreden wollte, sich fotografieren zu lassen. "Wenn man die Leute lange überzeugen muss, dann sind sie nicht offen. Und das sieht man dann auch auf den Fotos", sagt er.

Zehnmal kam er zum Fotografieren ins Dorf. "Das war ein echter Marathon. Die Leute waren richtig stolz." Günther hat von jeder Familie ein Foto ausgewählt. Am Sonntag hängen einige davon in der Kirche, alle 80 Bilder werden mit einem Beamer auf eine Leinwand projiziert. Auch Günther ist bei der ungewöhnlichen Vernissage dabei. "Ich hoffe, dass auch ganz viele Protagonisten da sein werden", sagt er.

Doch damit ist das Projekt, das von einer Stiftung gefördert wird, noch nicht zu Ende. Aija Torklere ist dabei, die Geschichten der Menschen zu den Fotos zu sammeln, vielleicht in einem Buch. Schließlich sollen sie für die Nachwelt erhalten bleiben. Damit sich später einmal niemand fragen muss, wer das da wohl auf den alten Fotos ist.

Berliner Zeitung vom 15. Januar 2011

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