Der historische Schatz von Gröben

Gröben (moz) Schon Theodor Fontane blätterte einst in dem in Schweinsleder gebundenen Kirchenbuch von Gröben – dem ältesten durchgängig geführten in der Mark Brandenburg. Er war 1860 und 1881 mehrmals im Gröbener Pfarrhaus, um hier in Ruhe studieren zu können. Er bezeichnete das Kirchenbuch als einen "wahren historischen Schatz". Heute liegt das Original in der großen Potsdamer Brandenburg-Ausstellung, und Pfarrer Peter Collatz ließ für seine Gröbener Kirche nahe Ludwigsfelde eine exklusive Kopie anfertigen, in der die Besucher Spannendes entdecken können.

 
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Pfarrer Peter Collatz liebt es, in den alten Kirchenbüchern oder anderen historischen Aufzeichnungen zu blättern, um darin nach kleinen Anekdoten und Geschichten zu suchen. Die Kirchenbücher von Gröben, wo Peter Collatz seit 1985 der Pfarrer ist, waren hierbei ein besonders ergiebiger Schatz. "Sie gehören zu den sonderbarsten Kirchenbüchern in Brandenburg", sagt er. "Sie beinhalten nicht nur die Daten von den Geburten, Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen, sondern erzählen von der Seele des Dorfes, bis hin zu Küchenrezepten und Empfehlungen für Erziehung oder bei Erkrankungen. Einige meiner Vorgänger schrieben es fast wie ein Tagebuch." Viele Kirchenbücher Brandenburgs gingen während des 30-jährigen Krieges verloren. Doch selbst in dieser Zeit wurde das Kirchenbuch in Gröben geführt. Die Eintragungen des rund 900 Seiten starken ersten Bandes des Kirchenbuchs gehen auf das Jahr 1578 zurück, beginnend mit dem Taufregister ab dem 30. April.

Auch die Magd des Pfarrers heiratete, wie eine Eintragung am "2ten adventüs" 1582 zeigt. Trine Geren ehelichte einen Peter Kroppen. Aber der Pfarrer war auf seine Magd nicht gut zu sprechen und ergänzte ein halbes Jahr später: "Die große hure hat den Armen sunder schendtlich betrogen, denn sie mit dem bösen Schelm Jurgen Jäden, meinen knecht, lange zuvor gehuret wardt, von ihm schwanger worden undt ein Kindt gehabt ein halb Jahr nach ihrer Koste (Hochzeit), welches sie auch mutewilich gedrückt mit schwerer last so sie getragen, das es mit zerknirschtem Haupt undt glidern todt auf die Welt kommen." Sie hatte ihren "Bastard" anscheinend absichtlich getötet. Oder der Pfarrer wollte es so sehen.

Im Begräbnisregister des Jahres 1578 steht auf Seite 15: "Jacob Wolter von Jutkendorf begraben, Welcher da er Wol bezecht ist; gewiß hatt wollen Auf den Abend über den See fahren; ist versoffen den 27 Aprilis; Am 3 Maji ist er erst funden und begraben." Die Hinterbliebenen hatten anscheinend die Beerdigungskosten pünktlich bezahlt, denn sonst vermerkte der Pfarrer: "bleibt Begräbnis geld schuldig". Auch von tragischen Unglücken ist die Rede, wie am 1. Oktober 1624: "In Sieten einer armen Frawen Kind begraben, welchs aldo im Backoffen gestorben." Vermutlich sollte das Kind nur gewärmt werden. Auch die Zeit des 30-jährigen Krieges spiegelt sich wider: "12. Maji (1631) in Gröben begraben Hans Gurtzes Magd, die von den Soldaten war ins Flies gejagt und ertruncken." Am 31. Mai desselben Jahres schrieb der Pfarrer auf: "zu Fahlehorst gestorben, Dominus Johannes Francus. (Randbem. zu obig. Eintrag): die Soldaten haben dem armen Gesellen den Sterbekittel ausgezogen das er fast nackt begraben worden." In jenem Kriegssommer 1631 gab es fast jeden Tag einen Todesfall.

Bekannt ist das Kirchenbuch auch für seine Alltagstipps. So wurde ein Mittel zum Ausmerzen überflüssiger Haare empfohlen: "Schneide im Frühling eine Weinrebe ab. Lege das eine Ende davon ins Feuer und bestreiche mit dem aus dem andern Ende laufenden Saft warm auf den Ort, wo die Haare vertilgt werden sollen."

Schon vor 15 Jahren hatte Peter Collatz die Idee, die außergewöhnlichen Schriftzeugnisse der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, gelten sie doch als das am längsten durchgängig geführte Kirchenbuch Brandenburgs und als eines der spannendsten dazu. Er hatte sogar schon etwas Geld der Kirchengemeinde zurückgelegt. Auf dieses wertvolle historische Zeitdokument war man inzwischen auch in der Landeshauptstadt aufmerksam geworden. Erstmals kam 2001 die Anfrage, das alte Kirchenbuch auszustellen. "Mit der Eröffnung der Dauerausstellung ‚Land und Leute’ im Potsdamer Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte kam jährlich die Bitte um Verlängerung der Ausleihe", blickt der 55-jährige Pfarrer zurück. "Aber die Leute, die unsere Kirche besuchten, fragten immer wieder nach dem Kirchenbuch." Es musste sich also etwas ändern.

Peter Collatz sah nun den Zeitpunkt gekommen, seinen Wunsch umzusetzten, die Kirchenbesucher in der alten Schrift blättern zu lassen. So machte er die weitere Leihgabe davon abhängig, dass er vom Kirchenbuch eine Kopie erhält, die dazu noch trans­kribiert wird. Heute ist des Pfarrers Wunsch längst in Erfüllung gegangen. Eine exklusive und für Besucher handhabbare Kopie mit den transkribierten Inhalten am Rand lässt viele Neugierige nach Gröben kommen, dank der Stiftungsgelder und der Zusammenarbeit mit dem Potsdamer Museum

Und das Original? Es liegt in der Land-und-Leute-Ausstellung unter Glas. Der Ausstellungsleiter des Hauses der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Thomas Wernicke, nimmt das Kirchenbuch aus der Vitrine. Es ist von den Jahrhunderten gezeichnet. "Tintenfraß und Wasserflecken haben ihm leider zugesetzt. Außerdem wurde es in der Vergangenheit sehr unprofessionell mit durchsichtigem Klebeband bearbeitet. Es muss bald restauriert werden." Dies liegt wiederum in der Verantwortung von Pfarrer Collatz. Doch er will nicht nur den ersten Band des ältesten Kirchenbuchs Brandenburgs restaurieren lassen, sondern auch die folgenden. Schließlich ist er weiterhin auf der Suche nach der Seele des Dorfes.

Die Kirche ist täglich geöffnet; auch kann unter www.kirchenbuch-groeben.de im Kirchenbuch gelesen werden.

Märkische Oderzeitung vom 15. Dezember 2010

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