Von Peter Könnicke

"Tankstelle für die Seele"

Ungenutzte Dorfkirche im havelländischen Zeestow soll Autobahnkirche am Berliner Ring werden

Zeestow - Einen Gottesdienst hat es hier seit 50 Jahren nicht mehr gegeben. Zum Beten fahren die Dorfbewohner in den Nachbarort. Doch trotz ihres verwaisten Daseins und ihrer Schlichtheit prägt die Zeestower Dorfkirche das Bild des kleines Ortes im Havelland. Der mit Spitzhelm und Kreuz gekrönte und inzwischen vom Putz entblößte Turm sticht aus der Dorfszenerie hervor. Er ist schon von weitem erkennbar, und genau diese Präsenz könnte zur Rettung des ungenutzten Sakralbaus führen.

Nach Plänen des Kreiskirchenrates Falkensee soll das Zeestower Gotteshaus eine Autobahnkirche werden die erste am Berliner Ring, der als eine der meist befahrenen Autobahnen in Europa gilt.

"Für eine Autobahnkirche ist die Zeestower Kirche ideal gelegen", sagt Pfarrer Bernhard Schmidt. Mit 500 Metern Entfernung von der Autobahnabfahrt erfüllt das Gotteshaus ein Kriterium der "Konferenz der Autobahnkirchenpfarrer", die Voraussetzungen für Autobahnkirchen beschloss. Demnach darf eine "Tankstelle für die Seele" nicht weiter als 1000 Meter von einer Autobahn entfernt liegen und sollte mindestens von 8.00 bis 20.00 Uhr geöffnet sein. Es muss Parkplätze und sanitäre Einrichtungen geben, die Autobahnmeisterei muss eine Beschilderung sicherstellen und neben der Kirchengemeinde und der Landeskirche muss das Bundesverkehrsministerium zustimmen.

Die Kirchengemeinde Falkensee hat das Projekt, das von Pfarrer Schmidt und seiner Kollegin Heike Benzin initiiert wurde, schon 2009 begrüßt. Danach wurde die Berliner Theologin Rajah Schulz-Scheepers beauftragt, ein Nutzungskonzept zu erarbeiten. Die Landeskirche unterstützt das Vorhaben. "Inhaltlich und technisch ist das machbar", meint Matthias Hoffmann-Tauschwitz, Leiter des Kirchlichen Bauamtes.

800 000 Euro würde allein die Grundsanierung kosten, wozu laut Architektin Sibylle Stich die komplette Fassaden- und Dacherneuerung für den 150 Jahre alten Backsteinbau gehören. Trotz des langen Leerstandes sei die im schlichten, neugotischen Stil gebaute Kirche allerdings noch in einem guten baulichen Zustand.

Etwa 2000 Kirchen markieren die Landschaft in den Grenzen der Landeskirche. "1990 war davon ein Drittel substanziell gefährdet", sagt Hoffmann-Tauschwitz. Heute sind die meisten saniert, "nur in ganz wenigen Fällen hat es eine Umnutzung oder gar Stilllegung gegeben", sagt der Bauverwalter. Das spektakulärste Beispiel sei die Leopoldsburger Kirche in Milow, die heute eine Sparkasse sei.

Die Idee einer Autobahnkirche in Zeestow findet auch Brandenburgs Kulturstaatssekretär Martin Gorholt gut. Er hat sich jüngst bei einem Ortstermin über das neue Nutzungskonzept informiert und die Mitglieder des Kirchenkreises ermuntert, einen Förderantrag an das Land zu stellen. Spirituelle Angebote wie Gottesdienste an Sonn- und Feiertagen, einen Autobahnkirchensonntag und Unfallgottesdienste hat Theologin Schulz-Scheepers für die Zeestower Kirche konzipiert.

Seelsorge wäre in Form eines Anliegenbuches denkbar. "Eine ähnliche Funktion hätte eine Klagemauer wie sie bis vor einigen Jahren am Kölner Dom bestand", sagt Schulz-Scheepers. Auf Zetteln könnten die Besucher Dank, Klagen, Ängste, Freude und Wünsche niederschreiben und versteckt oder sichtbar an die Wand heften. Auch Informationen zur Geschichte des Ortes und der Kirche, eine künstlerische Ausstellung, eine Kinderecke und eine Teestube kann sich die Theologin vorstellen.

Bundesweit engagiert sich die "Akademie Bruderhilfe-Pax-Familienfürsorge" für die Arbeit in den bislang 33 Autobahnkirchen. Nach einer von ihr im Jahr 2007 in Auftrag gegebenen Umfrage unter dem Titel "Spurwechsel: Gott auf der Autobahn" gab fast jeder zweite Autobahnkirchengänger an, den Besuch geplant zu haben. Die andere Hälfte, wozu vor allem Dienstreisende und Urlauber zählten, machten eher ungeplant Rast an den Seelen-Tankstellen. In den ausliegenden Fürbitt-Büchern beteten sie meist für Schutz auf der Reise oder dankten für die bisherige Unversehrtheit.

Laut Bruderhilfe machen jährlich über eine Million Reisende Rast an den "Tankstellen für die Seele". Die älteste Autobahnkirche wurde vor 52 Jahren in Adelsried an der A 8 eröffnet und zählt laut Bruderschaft jährlich 300 000 Besucher. In Brandenburg gibt es eine Autobahnkirche an der A 13 in Duben, an der nach eigenen Angaben schätzungsweise 3000 bis 5.000 Besucher im Jahr Halt machen. Eine zweite Autobahnkirche befindet sich in Werbellin an der A 11.

Potsdamer Neueste Nachrichten vom 14. Dezember 2010

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