Oderbruch-Kathedrale erwacht zum Leben

Wriezen (moz) Im Frühjahr jährte sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 65. Mal. Im Bombenhagel während der Schlacht um die Seelower Höhen und des Marsches auf Berlin wurden in der Region über 30 Kirchen zerstört. In loser Folge stellt das Oderland-Echo Kirchengemeinden vor, die Notkirchen oder Ersatzbauten nutzen müssen. Heute: Wriezen.

Die Sankt Marienkirche war einst ein stolzer Bau mitten in Wriezen. Sie überragte alle Gebäude der Oderbruchstadt. Mit einem über 70 Meter hohen Turm war das auch keine große Leistung. Aber auch diese Kirche hat einmal klein angefangen.

Wahrscheinlich in der ersten Hälfte des 13. Jahrhundert wurde am Markt mit dem Bau einer Feldsteinkirche begonnen. Wie viele andere in der Mark soll sie aus einem einschiffigen Langhaus und einem ebensolchen Chor bestanden haben. "Leider sind über diese ersten Baugeschehen keinerlei Daten und Einzelheiten bekannt", sagt Wriezens evangelischer Pfarrer Christian Moritz.

Diese zunächst recht bescheidene Feldsteinkirche damals noch ohne Turm wurde dem Heiligen Nikolaus, dem Schutzpatron der Kaufleute, Fischer, Schiffer, Flößer und Fuhrleute geweiht. Vom Jahre 1415 an heißt sie "Unsere lieben Frauen Kirche". Doch wird der Name "Nikolai-Kirche" noch in einem Visitationsprotokoll von 1540 verwendet. Von da ab wurde die Bezeichnung "St. Marien" angenommen. Die Kirche wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrmals umgebaut: Erst entstand eine Basilika, später folgte die Erweiterung zur dreischiffigen Hallenkirche. So entstand die "Kathedrale des Oderbruchs". Die Beendigung des großen Neu- und Umbaues wird um 1500 angenommen. Mehrere Jahrhunderte stand die Kirche, dann kam der Zweite Weltkrieg.

"Man vermutete einen Granattreffer", erklärt Christian Moritz. Weil der Kirchturm aus Holz war, ging dieser sofort in Flammen auf. Ob er anschließend in die Kirche gefallen ist oder diese Feuer fing, weiß er nicht. Jedoch brannte die Marienkirche komplett aus. "Es heißt, dass die Kirche noch zwei Tage gestanden habe, dann aber zusammenfiel", so der Pfarrer.

Die Ruine wurde nach Kriegsende von den Trümmern beräumt. Im südlichen Seitenschiff entstanden in den 50er-Jahren Räumlichkeiten für Gottesdienst und Gemeindearbeit. "Im Wesentlichen lebt die Kirchengemeinde noch heute in diesem Provisorium", betont Pfarrer Moritz. Die Marienkirche stand in den 60er- und 70er-Jahren mehrmals vor dem Abriss oder der Sprengung. Sie stand dem Wiederaufbau der Stadt im Wege, hieß es damals. Später war das Interesse am Abbruch der Ruine erloschen. Die dachlose steinerne Hülle trotzte seit der Zerstörung am 18. April 1945 bis zur Wende dem Verfall.

Am 20. April 1991 gründete sich der Förderverein Marienkirche Wriezen. Und seitdem geht es mit dem Wiederaufbau Stück für Stück voran. Nachdem in den 90er-Jahren der Turmschaft gesichert werden konnte, begannen in diesem Jahr die Sanierungsarbeiten an der Ruine. Architekt Rainhardt Pavlitschek weiß um das Kleinod in Wriezen: "An der Turm-Innenwand sind besonders eindrucksvoll die Bauetappen der Jahrhunderte abzulesen."

Der Gemeindekirchenrat, die Mitglieder des Fördervereins und viele Spender wünschen sich einen zügigen Weiterbau. Denn der Siegerentwurf des Architekturbüros Pro 3 aus Seelow sieht ein schützendes Dach samt einen Ausbau zu einem multikulturellen Zentrum vor.

Dort soll auch das einzige Überbleibsel der Marienkirche wieder einen Platz finden: ein Engelchen vom alten Taufstein.

Märkische Oderzeitung vom 12. Dezember 2010

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