BAUEN: Braucht der Chorraum Säulen?

Diskussion in der Gemeinde über den nächsten Schritt der Kirchensanierung

RATHENOW - Nächstes Jahr werden es gerade mal zehn Jahre, dass die Sankt-Marien-Andreas-Kirche ihre Turmspitze wieder aufgesetzt bekam. Seitdem ist die Kirche wieder das weithin sichtbare Wahrzeichen der Stadt. Und es gibt wohl keinen, der es heute anders wollte. Noch vor 20 Jahren hätte sicherlich kein Rathenower davon geträumt, was in dieser kurzen Zeit nach der Wende mit viel Engagement und Geld möglich wurde. Zuerst sanierte die Gemeinde Mitte der 90er Jahre den Chorraum. Mit Dach und wunderschönen farbigen Fenstern der Glaubensgeschichte in Bildern, gestaltet vom Rathenower Künstler Gerhard Henschel.

Nun steckt sich der Förderverein für das Gotteshaus weitere ehrgeizige Ziele. Genau diese lösen unter den 3000 Gemeindegliedern der evangelischen Gemeinde Rathenows kontroverse, emotional geführte Diskussionen aus. Am Samstag folgten rund 70 Gemeindeglieder der Einladung in die Sankt-Marien-Andreas-Kirche zur jährlichen Gemeindeversammlung. Die Auswertung des letzten Besuches von Rathenowern in der Partnergemeinde des ehemaligen ostpreußischen Gerdauen (Gebiet Kaliningrad), die mit ganz anderen Problemen zu kämpfen hat als die Havelländer, wurde in den Hintergrund gedrängt.

Ein Thema beschäftigte die Interessierten brennend. Amkelina Kegel und andere waren an den Gemeindekirchenrat (GKR) herangetreten, um über die, zeitlich noch nicht aktuelle, Wiederherstellung des Chorraumes zu diskutieren: mit Kreuzgewölbe und den dazugehörigen Säulen. Hier gibt es zwei Gruppen mit konträren Meinungen.

"Nach der Wende ist ein wunderschöner Mehrzweckraum entstanden", so Hans Georg Naumann, ehemaliges GKR-Mitglied. "Wir brauchen diese Säulen nicht!" Hannelore Scharnbeck schlug vor, "Altes und Neues miteinander zu verbinden". Hauptargument der Redner: die Säulen würden die Fenster des Chorraumes verdecken. Der Applaus unter den Zuhörern zeigte, dass zumindest an diesem Tage die Gegner der Säulen in der Mehrheit waren.

"Die Kirche soll vor allem zur Verkündigung des Wort Gottes dienen und nicht in erster Linie Kunst und Ausstellungen", entgegnete Ute Filip, die vor rund sieben Jahren als Nachfolgerin Scharnbecks in das Amt der GKR-Vorsitzenden gewählt wurde. Deshalb habe sich der GKR in dem im April beschlossenen Nutzungskonzept dafür ausgesprochen, den alten Chorraum in etwa so wieder herzurichten wie er war: mit Gewölbe und Säulen.

"Die Kreuzgewölbe in Kirchenschiff und der Chorraum sind gebaute Theologie", ergänzt Heinz-Walter Knackmuß. "Es gab immer Gegner: gegen Turm, gegen Kreuzgewölbe im Kirchenschiff." Auch Pfarrer Andreas Buchholz geht es um die Verbindung von Chorraum und Mittelschiff. Die Befürworter dieser Position hatten noch den Sachverständigen-Joker. "Ein Gewölbebau, ohne Säulen einzuziehen, würde einen exorbitanten Aufwand bedeuten", erklärte Rüdiger Liedtke, Vertreter des Architekturbüros "Dr. Krekeler und Partner" aus Brandenburg/Havel, welches im Januar 2004 ein Sanierungs- und Gestaltungskonzept für die Rathenower Kirche erstellte und bisher die Sanierungsarbeiten betreute.

Nach zwei Stunden musste die Diskussion vorerst abgebrochen werden, da die Kultur in der Kirche zum Zuge kam. Im Kirchencafé wurde bei Kaffee und Kuchen vereinzelt weiter diskutiert. "Das Nutzungskonzept für die Kirche ist ein Arbeitspapier", betonte Buchholz. "Wichtig ist, dass man im Gespräch bleibt."

Hier ist zukünftig noch viel Raum für fruchtbares Für und Wider. Der 1996 gegründete Förderkreis fühlt sich im Namen und laut Satzung dem Wiederaufbau der Kirche verpflichtet. Und so sammelt der Verein weiter Spenden auch schon für Säulensteine für den Chorraum. Das Engagement des Vereins wurde kürzlich mit der Verleihung des ersten Bürgerpreises von Stadt und Stadtverordnetenversammmlung an den Vorsitzenden Heinz-Walter Knackmuß einmütig gewürdigt.

Aber glücklicherweise sind die greifbaren Ziele unstrittig. 2011 wird die Sanierung der Außenfassade des Kirchenschiffs in Angriff genommen und neue Fenster werden eingesetzt. In der Marienkapelle wird das Kreuzgewölbe wieder hergestellt. (Von Uwe Hoffmann)

Märkische Allgemeine vom 25. Oktober 2010

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