Archäologen entdecken Sandstein-Epitaph

Wriezen (moz) Bei den archäologischen Ausgrabungen an der Wriezener Marienkirche ist gestern ein Epitaph geborgen worden, der vermutlich aus dem 18. Jahrhundert stammt. Die mehrere hundert Kilogramm schwere Sandsteinplatte ist per Zufall entdeckt worden. Sie diente als Sockel für den nördlichen Eingang.

 
© MOZ/Oliver Voigt

Pfarrer Christian Moritz und Friedhelm Zapf, der den Wiederaufbau der Kirche ehrenamtlich koordiniert, standen gestern Vormittag gespannt am Rand der Grube, als der Archäologe Michael Walter und sein Team die Platte vorsichtig umdrehten. Die anfängliche Enttäuschung löste sich, als bei genauerem Hinsehen eine verwitterte Inschrift zu erkennen war, die sich über die ganze Platte von oben nach unten zieht.

Mit einem Pinsel legten Pfarrer Christian Moritz und Michael Walter von der Archäologischen Projektbegleitung aus Wildau vorsichtig die Inschrift frei, die aufgrund der langen Jahre im Boden nur noch schwer zu entziffern ist. Von einer "Elisabeth Richter, geborene Rittnerin" erzählt der Epitaph. Geboren wurde sie 1605. Christian Moritz will nun in alten Kirchenbüchern blättern, ob er dort ihren Namen entdecken kann. Ist "Rittnerin" ein Geburtsname oder ein Titel? Die Tafel gibt Rätsel auf, die nun zu lösen sind.

Eine weitere noch lesbare Jahreszahl weist auf das Jahr 1751 hin. Die erste Vermutung, wonach es sich um eine mittelalterliche Grabplatte handeln könnte, bestätigte sich damit gestern nicht. Die Inschrift ist zudem in deutscher Sprache verfasst und nicht in Latein, der im Mittelalter üblichen Schriftsprache. Der Archäologe vermutet, dass die Steintafel wohl aus dem 18. Jahrhundert stammt.

"Als wir den Beton entfernten, waren wir überrascht, dass sich darunter eine Sandsteinplatte befindet", erzählte Michael Walter. "Die Ausmaße kamen mir seltsam vor", so der Archäologe. Als er dann Bearbeitungsspuren an einer Ecke fand, vermutete er eine Grabplatte oder gar einen Epitaph. Dabei handelt es sich um Denkmale, die beispielsweise in Kirche hingen und an verdiente Persönlichkeiten erinnerten. Da die Platte mit der Rückseite nach oben lag, konnte der Archäologe ihre Bedeutung zunächst nur vermuten.

Offensichtlich hatten die Zeitgenossen der Platte weniger Bedeutung beigemessen als das heute der Fall ist. Als der Friedhof an der Marienkirche geschlossen wurde, sei das Gelände aufgeschüttet worden, berichtete Michael Walter. 1765 sei die letzte Bestattung nachgewiesen worden. Damit sei auch der Sockel für den nördlichen Eingang in die Kirche zu geschüttet worden. Die Sandsteinplatte wurde als Sockel für den Eingang zweckentfremdet.

Da der nördliche Eingang künftig bei Konzerten als Haupteingang genutzt und mit einer Rampe für Behinderte versehen werden soll, muss Platz für den Bau dieser Zufahrt geschaffen werden.

Seit acht Wochen legt die Archäologische Projektbegleitung, eine private Firma aus Wildau, den Sockel der Wriezener Kirche frei und arbeitet sich Zentimeter für Zentimeter vor. Der Epitaph sei das bisher wertvollste Zeugnis, das bei den Grabungsarbeiten entdeckt worden sei, so der Archäologe. Bisherige Grabungen hätten lediglich einige menschliche Gebeine vom alten Friedhof und auf der Seite zum Markt zwei Kupfermünzen aus dem Mittelalter zutage befördert, bei denen jedoch keine Prägung mehr zu erkennen sei. Darüber hinaus war ein alter Heizungskeller aus DDR-Zeiten und zwei Grüfte entdeckt worden, die noch untersucht werden müssen. Materiell wertvolle Funde erwarten die Archäologen jedoch nicht, es handelt sich vielmehr um Zeugnisse, die die Geschichte der Stadt Wriezen dokumentieren.

Die geborgene Sandsteinplatte soll zunächst sicher aufbewahrt und dann restauriert werden, um später wieder in der Kirche Platz zu finden.

In diesem Jahr solle auf jeden Fall der Feldsteinsockel der Kirche instandgesetzt werden, sagte Friedhelm Zapf. Dazu werde er gesäubert und neu verfugt, damit von außen kein Wasser mehr hindurchdringen kann. Nächstes Jahr solle das Mauerwerk saniert werden. Zusammen mit den Städtebaufördermitteln stehen für beide Jahre insgesamt 522 000 Euro zur Verfügung. Problem für den Förderverein sei, die Eigenmittel in Höhe von 45 Prozent aufzubringen. Für das Dach rechnet Zapf mit einer Investition in Höhe von zwei Millionen Euro.

Märkische Oderzeitung vom 23. September 2010

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