Archäologen entdecken Barock-Grüfte

Wriezen (moz) An der Marienkirche in Wriezen haben archäologische Untersuchungen begonnen. Die Fachleute fanden nur wenige Zentimeter unter der Erde einiges aus der jahrhundertealten Geschichte der Oderbruchstadt. Neben zwei Grüften aus der Barockzeit kam auch ein alter Heizungskeller zum Vorschein, der erst zu DDR-Zeiten verfüllt wurde. Die Stadtpfarrkirche soll in den nächsten Jahren zu einem multikulturellen Zentrum ausgebaut werden. Als erstes wird das Mauerwerk gesichert und trockengelegt. Anschließend soll ein Dach aufgesetzt und im Inneren weitergebaut werden.

   
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Michael Walter kribbelt es in den Fingern. Der Archäologe würde gern das gesamte Umfeld der evangelischen Stadtpfarrkirche untersuchen. Aber der Leiter der Ausgrabungen muss sich auf einige, festgelegte Stellen konzentrieren. Damit das Mauerwerk des markanten Baus anschließend durch Fachfirmen gesichert werden kann, wird rund um die Kirchenmauern bis in die Tiefe von 50 Zentimetern gegraben. Weil später in zwei Sammelbecken das Regenwasser aufgefangen werden soll, wird auch dort untersucht.

"Wir haben schon einiges gefunden", sagt Michael Walter. Die Funde werden sicher aufbewahrt, ehe sie später im Archäologischen Landesmuseum im Paulikloster in Brandenburg an der Havel zu sehen sein werden. Neben Sarggriffen von einer Gruft aus der Barockzeit ist auch eine Münze darunter. Vorsichtig zeigt der Ausgrabungsleiter den 1/24 Taler. Auf der Vorderseite steht "Georg Wilhelm DG", auf der Rückseite ist ein Machtinsignium, das Zepter, zu sehen. "Kurfürst Georg Wilhelm hat bis 1640 regiert", erklärt Michael Walter.

Eins ist dem Ausgrabungsleiter und seinen bis zu vier Helfern aufgefallen. Die Menschen müssen früher sehr gern getrunken haben. Ansonsten seien die vielen Glasmarken, die im 18. Jahrhundert auf Flaschen aufgebracht waren, nicht erklärbar. "Das war eigentlich ein Friedhof, aber vielleicht ging früher hier eine Marktstraße durch", mutmaßt der Mitarbeiter der "Archäologischen Projektbegleitung Arco Dinter".

Scherben vieler hunderter Flaschen fand man auch in einem angrenzenden Heizungskeller. Bei einer Voruntersuchung per Sonde vermuteten sie noch eine begehbare Gruft. Nach der Öffnung der gemauerten Ziegelsteine kamen aber nur Scherben zum Vorschein. "Der Heizungskeller wurde um das Jahr 1928 angebaut", weiß Michael Walter aus der nachgelesenen Kirchengeschichte.

Der Keller wurde aber erst in den 70er- oder 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts verschlossen und mit wenigen Zentimetern Erde abgedeckt. Für die Archäologen und auch Einwohner war er bis jetzt nicht zu erahnen. Ebenso wie zwei Grüfte aus der Barockzeit. Eine davon liegt im Weg der geplanten Rollstuhlrampe.

"Wir werden die Gruft mittels Zeichnungen und Fotos dokumentieren. Anschließend wird die Grabkammer geöffnet und eine Anthropologin versucht, etwas über die Bestatteten herauszubekommen", erklärt Michael Walter das weitere Prozedere.

Dann werden die Knochen geborgen, ehe die Gruft abgetragen wird. "Das Problem besteht darin, dass die ursprüngliche Höhe des Kircheneinganges tiefer lag und damit auch die Rollstuhlrampe angepasst werden muss", erklärt Michael Walter. Die Gruft sei im Weg und könne auch nicht im Bau eingebunden werden.

Die zwei Archäologen hoffen auf weitere, interessante Funde rund um die Marienkirche. Diese hieß aber nicht immer so. Bis 1540 trug die Stadtpfarrkirche den Namen St. Nikolai und galt als Patron der Kaufleute, Fischer, Schiffer, Fuhrleute und Flößer.

Bis September oder Anfang Oktober werden die Geschichtssucher noch an dem Wriezener Bauwerk tätig sein. Sie hoffen auf wenig Verzögerungen durch eventuelle Munitionsfunde oder anderen Unwägbarkeiten. Im Winter sollen die Ergebnisse aufgearbeitet und die Dokumentation vervollkommnet werden.

Die Baufirmen müssen jedoch nicht so lange warten. Schon jetzt werden erste Fugen mittels schwerer Technik ausgehöhlt und für die Neuverfugung vorbereitet. "Erst wird in der Tiefe gearbeitet. Ab dem nächsten Sommer geht es in die Höhe, um das Mauerwerk zu sichern", erklärt Architekt Rainhardt Pavlitschek. Der Bauabschnitt umfasst insgesamt zwei Jahre. Dann sollen die Vorbereitungen für ein Dach abgeschlossen sein.

Märkische Oderzeitung vom 31. August 2010

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