Englische Orgel für Seelower Kirche

Seelow (moz) Auf der Empore der Seelower Kirche hat das große Bauen begonnen. Die Eberswalder Orgelwerkstatt Sander&Mähnert installiert eine neue Orgel. Sie stand einst in einer Kirche in England und ist mehr als 100 Jahre alt. Am 
10. Oktober wird sie mit einem Gottesdienst eingeweiht.

 
© Johann Müller

Im scheinbaren Chaos der vielen Kisten, Bretter und Geräte behält Harry Sander den Überblick. Er ist seit 41 Jahren im Orgelbau tätig, hat viele Instrumente restauriert und auch neu gebaut. "Aber der Neubau ist heute selten", sagt der 57-Jährige. "Bis zur Wende haben wir 
42 neue Orgeln gebaut, in den letzten zwanzig Jahren nur acht." Heute überwiege das Restaurieren. Was er durchaus als Glücksfall sieht. Mitunter würden Orgeln ihre Stimme zurückbekommen, die Jahrzehnte stumm blieben. "Es fehlte an Geld und Möglichkeiten", erzählt der Fachmann. "Im Westen hat man alte Orgeln einfach ausgebaut und durch neue ersetzt. Damit ist auch Geschichte verloren gegangen. Bei uns blieben viele heute historisch wertvolle Instrumente erhalten und wir dürfen sie restaurieren."

So wie diese Brycesson-Orgel, die aus England stammt und etwa um 1880 gebaut worden sein dürfte. Vor drei Jahren kaufte die Kirchengemeinde das Instrument bei einem Händler in Wuppertal. Jetzt liegt sie, säuberlich in ihre Einzelteile zerlegt, in der Seelower Kirche. An den Wänden des Gemeinderaumes stehen übermannshohe Holzwände. Die Orgel bekommt ein Gehäuse. In der Kirche in England stand sie unter einem Emporebogen und brauchte kein Gehäuse. Fünf Meter hoch und gut vier Meter breit wird sie künftig einen großen Teil der Empore einnehmen.

Doch ehe ihr die ersten Klänge entlockt werden können, wird es noch einige Zeit dauern. "Sechs Wochen werden wir wohl zu tun haben", sieht es Harry Sander. Mit seinem Gesellen Andreas Müller und seinem Sohn Julian, der bei ihm als Azubi das Orgelbauerhandwerk erlernt, hat er das Instrument zunächst in Eberswalde restauriert, dann verpackt und jetzt alles in den oberen Raum der Kirche geschafft. Nun beginnt die Puzzlearbeit.

"Das ist auch für uns spannend", versichert der Firmenchef. "Wir haben keinen Schaltplan, aber wir wissen natürlich, welches Teil welche Funktion hat." Es sei die Herausforderung für jeden Orgelbauer, solch ein Instrument aufzubauen. Und zu sehen, wie die Handwerker vor so langer Zeit ohne die heute möglichen technischen Hilfsmittel so herrliche Instrumente bauen konnten. Dass man in den Gotteshäusern auch manch Überraschung erlebt, wirft den Experten nicht aus der Bahn. So sollte der Motor, der den nötigen Wind liefert, eigentlich unter dem Podest, auf dem schon die alte Orgel stand, eingebaut werden. Als der Aufbau näher rückte und der Boden aufgesägt wurde, stellte sich heraus, dass darunter tragende Eisenträger entlang gehen. Eine andere Lösung musste her. Jetzt wird ein Kanal gelegt, der Motor findet Platz in einem extra angefertigten Schrank, der im Vorraum stehen wird. Aus seiner Sicht passt die neue Orgel wunderbar in die Seelower Kirche, sieht es Harry Sander. Ihre Vorgängerin sei schließlich auch nicht für das Seelower Gotteshaus ausgelegt gewesen und war viel zu klein. Sie stammte aus der Platkower Kirche, die in den 70er Jahren gesprengt wurde. Das neue Instrument sei eine typisch romanische Orgel mit einem warmen und tiefen Klang, erläutert Sander. Sie hat 18 Register und Pedale.

"Das Pfeifenwerk ist sehr viel umfangreicher und variabler zur Begleitung von Gemeindegesang, Vokalchor, Posaunenchor und natürlich für Orgelkonzerte", erklärt Superintendent Roland Kühne, der sich mit der Gemeinde auf das neue Instrument freut. "Zukünftig können auch klassische und moderne Orgelwerke zu Gehör gebracht werden, die auf der bisherigen Orgel nicht umsetzbar waren."

Roland Kühne schaut jetzt öfter auf der Empore vorbei. Alle sind gespannt auf den Klang der Neuanschaffung. Ist alles aufgebaut und aneinandergefügt, folgt die Intonation. Dann wird nicht nur die Orgel in sich gestimmt. Es geht auch um die Abstimmung mit dem Kirchenraum. Harry Sander will bis Ende September mit seinen beiden Helfern das Werk vollendet haben. Beide sind mit Eifer dabei. Andreas Müller gehört schon seit zwölf Jahren zur Firma. Eigentlich wollte der Eberswalder Tischler werden. Da fand er keine Lehrstelle und stieß auf die Orgelwerkstatt. "Ich bin dabei geblieben", sagt der 28-Jährige. Julian Sander, der zehn Jahre jünger ist, wusste schon in der Grundschule, dass er wie sein Vater Orgelbauer werden will. Theoretischen Unterricht hat er in Ludwigsburg, wo es die einzige Orgelbauerklasse Deutschlands gibt. Er möchte die Orgelwerkstatt, die es schon seit 1851 gibt und auch alle Privatisierungsbestrebungen zu DDR-Zeiten überstand, weiterführen. Ohne Verbundenheit mit der Kirche funktioniere das nicht, sieht es Vater Harry. "Wir arbeiten fast ausschließlich in und für Kirchen. Da sollten wir schon mit ihr verbunden sein und auch wissen, welche Wirkung die sakralen Lieder haben. Das gehört einfach zum Handwerk dazu", sieht es der Christ Harry Sander.

Märkische Oderzeitung vom 05. August 2010

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