MUSIK: Nicht alle Register sind nutzbar

Die größte Orgel der Prignitz soll restauriert werden

WITTENBERGE - Vor zehn Jahren wurde mit der umfangreichen Innensanierung der Evangelischen Kirche in Wittenberge begonnen. Der Kirchenraum hat inzwischen seinen ursprünglichen Glanz, so wie er bei der Errichtung des Gotteshauses 1872 erstahlte, zurück bekommen. Ein heller, farblich gestalteter und einladender Raum ist entstanden. Wenn im Herbst im Chor die drei hohen farbigen Glasfenster eingesetzt werden die Fensteröffnungen mussten erst wieder frei gelegt werden ist die Innensanierung abgeschlossen.

Die Kirchengemeinde hat dieses Ereignis innerlich bereits als weiteren Erfolg verbucht; die Aufmerksamkeit richtet sich nunmehr auf die gewaltige Orgel. Für alle, die es noch nicht wissen, es handelt sich um die größte Orgel der Region und eine der größten in Brandenburg. Als sie 1935 eingebaut wurde, galt sie als die zweitgrößte Orgel in der gesamten Mark Brandenburg mit ihren 49 Registern und 3022 Pfeifen.

Christoph Walter, stellvertretender Gemeindekirchenratsvorsitzender, weiß noch so manche andere Besonderheit zu berichten. Die Orgel wurde von Martin Pflug aus Wittenberge errichtet, dem wohl einzigen Orgelbauer der Elbestadt. Wahrscheinlich in den 20er Jahren die genaue Jahres zahl ist nicht bekannt siedelte er von Schlesien in die Elbestadt über. Sechs Orgeln soll er gebaut haben; in Groß Warnow befindet sich noch heute eines seiner Instrumente. Die Wittenberger Orgel war jedoch das mit Abstand größte seiner Werke. Viel ist über diesen Orgelbauer nicht bekannt. 1945 soll er in der Stadt gestorben sein. Für die Wittenberger geht es also nicht nur um die Wiederherstellung einer großen Orgel, sondern auch um das Sichtbarmachen einer großen Leistung eines Elbestädters.

Die Orgel hat unter den jahrelangen Bauarbeiten erheblich gelitten; sie ist verdreckt und viele Register lassen sich nicht mehr einschalten. Der Spieltisch befindet sich übrigens seitlich versetzt und damit räumlich getrennt von der Orgel. Die Register werden elektrisch gesteuert. Die gesamte Elektrik ist aber noch im Zustand von 1935. So sind Kontakte und auch die Isolierungen der Leitungen verschlissen. Christoph Walter berichtet, es sei auch schon mal bedrohlicher Rauch aus der Orgel aufgestiegen. Da die Elektrik normalerweise außer Betrieb ist, besteht jedoch keine Brandgefahr. Die prächtige Orgel wird noch genutzt, aber ihre ganze klangliche Vielfalt kann sie nicht entfalten. "Eigentlich schade", meint Christoph Walter. Die Instandsetzung soll nach einem Kostenvoranschlag der Potsdamer Orgelbauerfirma Schuke etwa 174 000 Euro kosten. Viel Geld, das die Kirchengemeinde alleine nicht aufbringen kann. Kirchengemeinde und Förderverein wollen ein Viertel der Summe beisteuern. Daher ruft die Gemeinde Sponsoren, Geschäftsleute aber auch Privatpersonen auf, die Orgelrestaurierung zu unterstützen. Einen sehr prominenten Fürsprecher hat die Gemeinde schon gewonnen. Ministerpräsident Matthias Platzeck ist Schirmherr des Vorhabens. (Von Michael Beeskow)

Stadtkirche Wittenberge

Erbaut wurde die Kirche der Evangelischen Kirchengemeinde 1872; es war der vierte Kirchenbau seit der Reformation an dieser Stelle, der erste nicht nach einem Brand des Vorgängerbaus. Der Vorgängerbau wurde abgerissen, weil eine größere Kirche benötigt wurde.
Geöffnet ist die Stadtkirche täglich von 8 bis 18 Uhr bis Oktober; jährlich etwa 4000 Touristen besuchen sie; Turmbesteigung ist auf eigene Gefahr möglich.
Konzerte 14. August, 19.30 Uhr, Bläsermusik; 21. August, 15 Uhr, Trittauer Männerchor; 3. September, 19.30 Uhr, Trompetenkonzert.
Kontakt Montag bis Freitag, 7 bis 13 Uhr, Christoph Walter, 03877/40 36 22.

Märkische Allgemeine vom 16. Juli 2010

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