ARCHITEKTUR: Die goldenen Zeiger leuchten wieder

Handwerker haben gestern neue, historisch nachempfundene Zifferblätter an der Stüler-Kirche in Langen montiert

LANGEN - Gegen acht Uhr morgens tuckert der erste Transporter über das Friedhofsgelände langsam, damit die wertvolle Fracht auf der Laderampe nicht beschädigt wird. Wenig später trifft der Lastwagen mit Kranaufsatz ein. Doch es vergehen noch einige Stunden, bis das erste Zifferblatt den Turm der Langener Stüler-Kirche ziert. "Das Mauerwerk ist so porös, da halten unsere Dübel nicht drin", sagt Mechanikermeister Horst Bittner. Mit Verbundmörtel müssen sie daher ins Mauerwerk geklebt werden. Eine halbe Stunde dauert das Trocknen und die Handwerker sind länger im Einsatz als geplant.

Gemeinsam mit drei Kollegen brachte Bittner gestern die vier neuen Zifferblätter am Kirchturm in Langen an. 2007 waren die alten, verrosteten Exemplare abgeschraubt und in die Werkstatt des Mechanikers bei Berlin gebracht worden. Rekonstruieren ließen sich die Zifferblätter von 1855 nicht mehr. Zu beschädigt waren die historischen Uhren, zu durchgerostet die vergoldeten Zinkbuchstaben. Also mussten neue her.

Da die Stüler-Kirche unter Denkmalschutz steht, hatte Bittner bei der Anfertigung spezielle Vorgaben einzuhalten. Farbe und Material beispielsweise wurden von den Denkmalpflegern festgelegt. Aus Blattgold und Zink mussten die neuen Zifferblätter demnach bestehen. "Die Handwerker haben früher natürlich anders als heute gearbeitet", sagt Friedrich Weber, Vorsitzender des Fördervereins Stüler-Kirche Langen. "Heute würde man wahrscheinlich Kunststoff und Edelstahl verwenden. Das Arbeiten mit Zink ist jedoch aufwendiger und zeitraubender."

Damit die neuen Uhren stilecht sind, musste Horst Bittner jede einzelne Ziffer aus mehreren Einzelteilen zusammenlöten. "Ich bin zufrieden, wenn meine Uhren auch 150 Jahre halten", sagt er, während seine Kollegen die erste, in Folie und Watte verpackte Uhr von der Laderampe auf den Kran transportieren. In einer Höhe von 25 Metern schrauben sie die Uhr fest, schälen sie aus der schützenden Verpackung.

Rund 20 000 Euro bezahlte der Förderverein für das Anfertigen und Montieren der Zifferblätter. Noch vor wenigen Monaten galt die Finanzierung des Vorhabens als unsicher. Denn im April erstatte Friedrich Weber Anzeige gegen Schatzmeister Helmut Kimmling. 20 000 Euro soll dieser vom Vereinskonto genommen und sich damit nach Saarbrücken abgesetzt haben (die MAZ berichtete). Das Geld für die Kirchturmuhren fehlte. Derzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft. Auch ein Gerichtsvollzieher ist laut Weber im Einsatz, der den Besitz von Kimmling pfänden soll. Denn: "Unser Geld hat er ausgegeben. Für seinen privaten Lebenswandel, wie er selbst sagt", erzählt der Vereinsvorsitzende. Mit Hilfe von Spenden konnten die Zifferblätter nun trotzdem bezahlt werden. (Von Anne Mareile Moschinski)

Märkische Allgemeine vom 16. Juli 2010

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