RELIGION: Graffiti für das Gotteshaus

In Zeestow wurden ungewöhnliche Ideen für Autobahnkirche geschmiedet

ZEESTOW - Eine "Tankstelle für die Seele" soll sie werden, die Zeestower Dorfkirche, in der vor 40 Jahren der letzte Gottesdienst stattfand. Als "Autobahnkirche" wird sie eine Raststätte zur "Besinnung für die Autoreisenden, zur individuellen, anonymen und zeitlich beliebigen Einkehr." So sieht es das Konzept der Theologin Rajah Scheepers von der Universität Erfurt vor. Es wäre die bisher erste Autobahnkirche am Berliner Ring – eine von dann 34 derartigen Einrichtungen bundesweit.

Billig wird es nicht: Zwischen einer halben und einer Million Euro wird es nach Einschätzung von Architektin Sibylle Stich brauchen, um den maroden Sakralbau auf Vordermann zu bringen, erfuhren die rund 60 bis 70 Besucher, die am Sonntag nach Zeestow gekommen waren. Ein Förderverein sollte gegründet werden, aber das wurde erst mal verschoben: "Wir treffen uns am Donnerstag noch mal", sagte Pfarrer Bernhard Schmidt vom Kirchenkreis Falkensee. Der Kirchenkreis will das Projekt realisieren.

Zwar sei die Kirche in einem sehr guten baulichen Zustand, dennoch müsse das Innere restauriert werden, so Rajah Scheepers. Das Dach ist marode, 2009 musste eine Notsicherung vorgenommen werden. Für eine Autobahnkirche brauche es Parkplätze und Toiletten, Park und Freifläche müssen gestaltet und angelegt werden, der ehemalige Kirchenzugang muss frei gelegt werden. Immerhin habe die Kirche den Vorteil, an einer der meist befahrenen Autobahnen Europas zu liegen: "Es kommen jährlich 100 000 Menschen vorbei, die man nur noch ’anhalten’ muss", sagte Rajah Scheepers bei der Vorstellung ihres Konzepts. Besucher von Autobahnkirchen sind meist männlich, katholisch und verheiratet. Zwei von fünf Besuchern sind "kirchlich und kirchengemeindlich distanzierte Personen", sagte die Theologin. Sie bezeichnete sie als "Autobahnkirchenspontis".

Für die Ausgestaltung des Kirchenschiffs gab es viele Ideen. Bei Kaffee und Kuchen wurde eine neue geboren: "Warum nicht Graffiti?" Gedacht wurde an lokale wie internationale Graffiti-Künstler, die mit passenden Motiven die Kirche ausschmücken. Werke bekannter zeitgenössischer Künstler könnten einen Magnet für Besucher darstellen.

Ein viel größeres Problem stellt derzeit die Finanzierung dar. Zwar hat Bernd Janowski vom Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg Unterstützung zugesagt. Über Summen wollte er allerdings nicht sprechen. Wolfgang Gall, Sozialdezernent im Landkreis Havelland, äußerte sich erfreut: "Ich bin ganz begeistert von dem, was ich gehört habe. Der Kirchenkreis Falkensee hat Großes vor. Ich freue mich über jedes Angebot der Kirchen, Türen aufzuschließen und Menschen reinzulassen." Es brauche nicht viel, diesem Ort Leben einzuhauchen, sagte auch Brieselangs Bürgermeister Wilhelm Garn, zu dessen Amtsbereich der Ortsteil Zeestow gehört. Er dämpfte aber auch gleich die Hoffnungen der Kirche auf großartige finanzielle Hilfe von der Gemeinde. Allerdings werde man tun, was möglich sei.

Die Finchpotsingers ließen sich vom Gerede übers Geld nicht abschrecken. Mit ihren Gospels brachten sie Stimmung in die Kirche und bewiesen, dass dieses alte Gemäuer über eine hervorragende Akustik verfügt. (Von Werner Schmidt)

Märkische Allgemeine vom 06. Juli 2010

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