Turmversand im Paket

Stendell (moz) Geradezu einen Kahlschlag muss die Dorfkirche von Stendell erleben. Ihr Turm verschwindet seit am Montag vollständig von der Bildfläche. Zimmerleute zerlegen das morsche Gebälk in Einzelteile. Doch es herrscht keine Trauer. Denn damit beginnt die längst überfällige Sanierung.

 
Nichts bleibt an seinem Platz: Heiko Lehmann zerlegt in mehr als 30 Metern Höhe die Spitze des Kirchturms von Stendell. Jedes Einzelteil wird demontiert, begutachtet, erneuert oder ersetzt und im Herbst wieder zusammengefügt.
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Er frisst leise, unsichtbar und höchst gefährlich. Er ist teuer und lässt sogar Holztürme einstürzen. Der gehasste Hausschwamm hat sich derart am Turm der Feldsteinkirche Stendell vergriffen, dass es selbst Fachleuten den Atem verschlägt. Die eigentlich viel zu dicken jahrhundertealten Hölzer, die den über 30 Meter hohen Turm tragen, sind ein Opfer des Pilzes geworden. Konstruktionsverbindungen haben ihre Bedeutung verloren. Überall bröseln Holzstücken herab. Dauerhafte Nässe und einige Umbauten verursachten die dramatischen Schäden.

Das Urteil der Bauleute fiel deshalb ungewöhnlich radikal aus. Bis zur Orgelempore hinunter muss der komplette Turm verschwinden. Jedes Teil einzeln. "In diesem Ausmaß haben wir auch noch keinen Turm zerlegt", sagt Steffen Müller von der Firma Thielke aus Luckau. Am Ende bleiben lediglich der gemauerte und abgestützte Giebel sowie die Umfassungsmauern des Unterbaus stehen.

Mit der aufwändigen und ungewöhnlichen Demontage startet die Grundinstandsetzung der Feldsteinkirche. Lange Zeit haben die evangelische Gemeinde und ein rühriger Freundeskreis auf diesen Tag gewartet. Mussten sie doch zusehen, wie die Kirche immer mehr unter den Bauschäden litt. Bereits 2002 musste man im Innenraum starke Balken als zusätzliche Stützen errichten, um die Last des Turms abzufangen. Damals ging man davon aus, in spätestens fünf Jahren das Geld für die Instandsetzung beisammen zu haben. Doch es wurden acht Jahre.

Bis zum Winter verschlingt die Sanierung des ersten Bauabschnitts rund 220 000 Euro, sagt Daniel John vom Architekturbüro ALV aus Angermünde. An den Kosten beteiligen sich die Landeskirche, das Land Brandenburg, gleich mehrere Stiftungen, der Landkreis, Kirchgemeinde und Kirchenkreis, Spender und der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg.

Die Zimmerleute sind optimistisch, bis Oktober fertig zu sein. "So wie wir ihn abgebaut haben, wird er wieder aufgebaut", verspricht Steffen Müller. Das Handwerksunternehmen hat sich eine besondere Methode einfallen lassen. Jedes Holzteil wird dokumentiert, verpackt und im Paket nach Luckau geschafft. Dort fertigen Zimmerleute neue Teile, ergänzen rettbare Balken, besiegen den Hausschwamm und schicken die Turmteile wieder im Paket in die Uckermark.

Dort wird das Puzzle dann neu zusammengefügt. Der 17 Meter hohe Turmhelm entsteht parallel dazu auf dem Pfarrhof gleich nebenan. Er soll später am Kranarm und im Stück an seinen Platz schweben.

Mit der Rettung des Stendeller Wahrzeichens bleibt ein weiterer Kirchturm der Region dauerhaft erhalten. Denn gerade ist im benachbarten Passow der Turm ähnlich spektakulär instand gesetzt worden. Und auch in Golm liegt die Holzkonstruktion derzeit fast komplett auf dem Kirchhof.

Märkische Oderzeitung vom 29. Juni 2010

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