Gotteshaus beinahe abgerissen

Hirschfelde Die meisten Feldsteinkirchen im Niederbarnim stammen aus den Kinderjahren der Kurmark Brandenburg. Sind also kunsthistorisch unter später Romanik des 13. Jahrhunderts einzuordnen und stehen schon allein deshalb unter Denkmalschutz. Auch die Kirchenruine in Hirschfelde. Dort hat sich unser Autor Lars Franke umgesehen und umgehört.

Die Geschichte ist kaum zu glauben: eine Kirche übersteht fast unbeschadet die erbitterten Kämpfe des Zweiten Weltkrieges und wird trotzdem "geopfert".

In Hirschfelde, inzwischen Ortsteil von Werneuchen, wurde in den Apriltagen 1945 erbittert gekämpft. Roter Armee und Wehrmacht ging es bei diesem Teil der Schlacht um Berlin vor allem um die Kontrolle über den benachbarten Militärflugplatz Werneuchen. Das 750 Jahre alte Gotteshaus von Hirschfelde hatte Glück. Bei den Artillerie-Duellen wurde lediglich der Turm beschädigt.

Als dann die Waffen schwiegen und sich das Leben zu normalisieren anfing, begann das Martyrium der noch immer imposanten Feldsteinkirche. Ein übereifriger Bürgermeister gab das Gotteshaus zum Abriss frei. Und so landete mancher Stein aus dem Kirchenschiff in den Fundamenten und Wänden von Neubauern-Häusern, Scheunen und Ställen.

Aber alteingesessene und neu angesiedelte Märker wären keine echte Brandenburger gewesen, wenn ihnen nicht Zweifel über Sinn und Rechtmäßigkeit in Sachen "Kirchen-Schreddern" gekommen wären. Schon wenige Jahre später beschloss der Hirschfelder Kirchenvorstand den Wiederaufbau. Steine und andere Baumaterialien wurden gesammelt.

Und als man dann endlich anfangen wollte, da legte der neu gegründete Staat DDR gewissermaßen sein Veto ein. Es gab einfach keine Baugenehmigung für das Gotteshaus in Hirschfelde.

Doch dank der Improvisationsfähigkeit fand man in den 70erJahren einen Ausweg - nur ein kleiner Teil des Objektes wurde instandgesetzt. Bei dieser eigenartigen Dreiteilung ist es bis heute geblieben - ein gewaltiger Turm, ein ruinöses Kirchenschiff und eine provisorische Kapelle mit etwa 35 Plätzen.

Damit will man sich in Hirschfelde nicht abfinden. Deshalb gibt es seit einigen Jahren einen Förderverein, der sich erst einmal und vorrangig um die Sicherung der Kirchenschiff-Ruine kümmert. Teile dieses Mauerwerkes könnten noch aus der Entstehungszeit stammen - sind also um die 750 Jahre alt.

Untersuchungen haben aber auch ergeben: mindestens einmal ist das Gotteshaus zerstört worden und musste neu aufgebaut werden. Der Turm erweist sich gewissermaßen als Sonderfall märkischer Baugeschichte. Er ist nämlich nicht, wie allgemein üblich, so breit wie das Kirchenschiff, sondern hat die Maße des Chores. Experten sprechen von einer sogenannten "Chorquadrat-Kirche".

Für die Kirche eines eher kleineren Dorfes wie Hirschfelde ist die Ansicht auf die Westfassade des Turmes recht beeindruckend. Besonders reizvoll erscheint der Gegensatz zwischen dem massiven und wehrhaften Turm und der eher filigran anmutenden Pforte.

Einen anderen "Gruß" aus dem Mittelalter kann man dagegen weder auf dem ersten noch auf dem zweiten Blick erkennen. Er ist vor allem zu hören - nämlich der Klang der beiden Glocken. Sie stammen wahrscheinlich auch aus der Entstehungszeit der Kirche und gehören so zu den ältesten ihrer Art in ganz Brandenburg.

Märkische Oderzeitung vom 14. April 2010

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