Einmal im Jahr Gottesdienst und kultureller Rahmen

Von Ines Rath

Carzig (MOZ) In diesem Frühjahr jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 65. Mal. Im Bombenhagel während der Schlacht um Küstrin und die Seelower Höhen und des Marsches auf Berlin wurden allein in der Seelower Region 28 Kirchen zerstört. In loser Folge stellt Oderland Echo Kirchengemeinden vor, die Notkirchen oder Ersatzbauten schufen, um Gottesdienste feiern zu können. Heute: Carzig.

Es muss um den 10. März 1945 herum gewesen sein, als deutsche Soldaten die Sprengladung am Carziger Kirchturm zündeten. Augenzeugen gibt es dafür nicht - die Carziger waren längst evakuiert. Nur, dass am 10. März die Kirche im benachbarten Mallnow gesprengt wurde, ist gewiss.

Carzig verlor damit sein Wahrzeichen: Auf einem Vorgängerbau hatte der Carziger Patronatsherr Eugen von Burgsdorff Mitte des 19. Jahrhunderts die neugotisch überbaute Kirche mit einem neuen, hohen Kirchturm errichten lassen. Das Porträt des Kirchenfinanziers ist heute, neben der originalen gusseisernen Gedenktafel, in dem kleinen Raum im Turm-Untergeschoss zu sehen.

Der bei der Sprengung aufs Kirchenschiff gestürzte obere Turmteil hatte die Mauern bis etwa zur Dachtraufe zerstört. Dass die Mauerreste heute viel niedriger sind, ist vor allem einem Befehl der sowjetischen Besatzer zu danken, die die Kirchensteine für den privaten Hausbau freigaben, weiß Pfarrer Martin Müller. Der Mallnower ist für die Carziger Kirche zuständig.

Die Carziger Christen trafen sich nach dem Krieg zunächst in der Dorfschule zum Gottesdienst. An der Kirchenruine tat sich lange nichts. Erst im Mai 1957 kam die umgegossene Glocke nach Carzig zurück, wie Martin Müller aus den Protokollbüchern des Gemeindekirchenrates erfahren hat. Die Carziger Kirchenglocke war an zwei Stellen zerschossen gewesen. Sie war übrigens die einzige nach dem Krieg gegossene Bronzeglocke im damaligen Kirchenkreis Seelow.

Nachdem der Kirchturm begradigt und ausgebessert und ein neuer Glockenstuhl gebaut waren, konnte die Glocke im Dezember 1958 aufgehängt werden. Am Heiligabend 1958 wurde sie in Dienst gestellt.

Das Turmdach war da noch offen, nur provisorisch mit einer Plane abgedeckt. Erst 1960 konnten - nach längerem Hin und Her mit dem Seelower Kreisbauamt - der Turmdachstuhl gebaut und das Dach gedeckt werden.

Vier Jahre vergingen, ehe die Carziger Christen Ende 1964 ihre "Notkirche", einen in die Ruine des Kirchenschiffs hinein gebauten kleinen Gemeinderaum, einweihen konnten. "Trotz aller Versuche ist es dem Vorsitzenden (des Gemeindekirchenrates - d.R.) bisher nicht gelungen, die Baugenehmigung für den Gottesdienstraum zu erhalten", weist das Protokoll des Gemeindekirchenrates vom 25. November 1962 auf die Schwierigkeiten mit dem Bau hin.

Die einzige originale Ausstattung des Gemeinderaumes sind das Taufbecken aus Sandstein mit der Inschrift "Der Kirche zu Carzig gewidmet von H. Schmidt im Juli 1887" und die Messing-Taufschale. Sowie ein stark beschädigtes Ölgemälde, das Jesus mit dem Kreuz zeigt. Das Bild ist der Kirchengemeinde erst vor einigen Jahren wieder übergeben worden. Ansonsten ist die Ausstattung schlicht - Holzkreuz, hölzerner Altartisch, Harmonium, Holzstühle.

Bis nach der Wende wurde noch alle zwei Wochen Gottesdienst in Carzig gefeiert, weiß Pfarrer Martin Müller. Als die "guten Seelen" der Kirchengemeinde, die die Kirche bis dahin beheizt und gesäubert hatten, altersbedingt nicht mehr konnten, wurde ein Fahrdienst zu den Gottesdiensten in Mallnow eingerichtet. In Carzig ist seitdem nur noch einmal jährlich, im Sommer, Gottesdienst.

Seit einigen Jahren wird der Gottesdienst von kulturellen Aktivitäten umrahmt, die der 2004 gegründete Förderverein für die Carziger Dorfkirche organisiert. Die inzwischen 23 Mitglieder des Vereins haben sich den Wiederaufbau der Kirche zum Ziel gesetzt. Das von Vorstandsmitglied Karl-Heinz Labes gebaute Kirchenmodell, das im Gemeinderaum steht, zeigt die Größe der Aufgabe.

Erreicht ist schon einiges: Nachdem der Turm 2002 ein neues Dach und 2003 eine neue Spitze erhalten hatte, wurde in der Ruine des Kirchenschiffs aufgeräumt, sind Steine geborgen, die Friedhofsmauer erneuert und die Mauerreste untersucht worden.

Märkische Oderzeitung vom 20. März 2010

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