Raus aus dem Keller

Die drei Ks: Kirche, Kultur und Kommune. Cöthen öffnet seine Kirche. Und braucht neue Fördergelder

Von Anja Sokolow

 
Marlies Sydow, Vorsitzende des Fördervereins, und Vereinsmitglied Manfred Eisenschmidt vor der Cöthener Kirche, die sie mit viel Liebe wieder aufbauten.
Foto: Anja Sokolow

Marlies Sydow aus Cöthen bei Bad Freienwalde ist in einem Haus gegenüber der Kirche geboren. Doch betreten konnte die Christin das Gotteshaus jahrelang nicht. "Ich kann mich an einen Betrieb der Kirche nicht mehr erinnern", sagt die 53-jährige.

Im Sommer 1956 fand dort die letzte Trauung statt. "Seitdem hat sich unsere Gemeinde immer im Keller des alten Pfarrhauses getroffen", erzählt die Lehrerin. Immerhin kommen regelmäßig zehn von 100 Einwohnern zum Gottesdienst. Nach mehr als 50 Jahren wollen die Cöthener den Keller nun wieder gegen die Kirche eintauschen.

Jahrelang war das 1830 eingeweihte und denkmalgeschützte Gebäude baupolizeilich gesperrt und kaum sichtbar, weil es mit Efeu und Bäumen zugewachsen war. "Selbst wenn man an der Kirche vorbeifuhr, sah man sie nicht", erzählt Sydow. Die grüne Schutzwand verbarg einen traurigen Anblick. Von der Fassade bröckelte der Putz. An den Wänden zeichneten sich nach Bombenabwürfen in der Nachbarschaft im Zweiten Weltkrieg Risse ab. Im Kirchturm klaffte ein riesiges Loch, nachdem die Glocke 1970 zur Reparatur entfernt und nicht wieder eingesetzt worden war.

Im Inneren zeigen sich heute noch Spuren von Plünderung und Verwüstung. Der gesamte Schmuck fehlt. Die einst mit klassizistischen Elementen verzierten Wände sind zerkratzt und mit Schmiererein von Internatsschülern verunstaltet, die die Kirche in der DDR illegal als Treffpunkt nutzten. Die kaputten Fenster sind jetzt mit Plexiglas gesichert. "Früher hatte man sie mit dem Holz der Sitzbänke vernagelt", erzählt Sydow. Immerhin gibt es heute wieder Bänke, gespendet von einer westdeutschen Gemeinde.

Die Kirche, die bereits 1926 mit dem Umzug des Pfarramtes in das nahe gelegene Falkenberg an Bedeutung verloren hatte, rückte nach der Wende wieder in das Bewusstsein der Leute. "Die Euphorie war da. Doch getan hat sich lange Zeit nichts", erinnert sich Sydow. Im Gegenteil, das Gotteshaus sollte nach dem Willen des Gemeindekirchenrates verkauft werden. Es habe einige Kämpfe gekostet, das zu verhindern. "Es ist für eine Gemeinde mit 400 Gliedern schwer, zwei Kirchen zu halten", sagt Pfarrer Ulf-Winfried Radke.

Heute bildet das stolz auf einem Hügel stehende, vom Bewuchs befreite Gotteshaus wider den Dorfmittelpunkt nicht nur optisch. Die Vorsitzende Marlies Sydow und 23 weitere Mitglieder des 1998 gegründeten Fördervereins "Cöthener Kirche" kämpfen mit der Gemeinde dafür, dass das Haus wieder zugänglich und nutzbar wird. Gläubige und Nichtgläubige engagieren sich gleichermaßen.

Ein Teil der Arbeiten ist nun geschafft, Bausubstanz und Dach sind schon gesichert. 1999 fand der erste Posaunengottesdienst statt, 2000 die erste Christvesper. Der Verein will die Kirche in dem Ort, in dem es weder einen Laden noch eine Gaststätte gibt, zu einem Glaubens- und Kulturzentrum ausbauen. Seit Jahren stehen neben Kirchputz und Gottesdiensten auch Theater-, Lieder- und Kinoabende auf dem Programm. Selbst Sprechstunden des Bürgermeisters fanden dort schon statt. "Wir wollen in der Nutzung drei "K" vereinen Kirche, Kultur und Kommune", erklärt Radtke, der den künftigen Gemeinderaum auch für Kommunalwahlen zur Verfügung stellen will.

"Rund 270 000 Euro sind bereits in die Kirche geflossen. Für die komplette Sanierung brauchen wir etwa 540 000 Euro", rechnet Vorstandsmitglied Manfred Eisenschmidt vor. Ein Großteil des Geldes sei aus dem staatlichen Förderprogramm "Dach und Fach gekommen. Rund 40 000 Euro wurden gespendet. Hetzt hofft der Verein auf weitere Fördermittel für die Außenfassade, die Fenster, den Innenausbau, die geplante Winterkirche und den Wiedereinbau der Glocke. Noch in diesem Jahr, so die Hoffnung aller, soll die Sanierung beendet sein.

Ganz bescheiden und doch etwas stolz erzählen Sydow und Eisenschmidt vom oft beschwerlichen Weg und vergessen nicht zu erwähnen, dass viel Hilfe vom "Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg" und Paul-Gerhard Schwesig, einem zugezogenen ehemaligen Pfarrer kam. "Er war der Motor des Ganzen", sagt Eisenschmidt. Der plötzliche Tod des damaligen Vereinsvorsitzenden habe 2007 das ganze Dorf aus der Bahn geworfen.

Auch andere Rückschläge habe es gegeben. Die Kraft und Geduld haben sie dennoch nicht verloren. "Auf dem Lande ist es üblich, jahrelang an Häusern zu bauen", sagt Marlies Sydow. Ihr ist es wichtig, "die Kirche einfach nur zu erhalten". Ihr Ziel verliert sie nicht aus den Augen schließlich lebt sie noch immer gegenüber ihrer Kirche.

Infos: www.coethen.de.

Mitten in der Mark

Falkenberg/Mark liegt im Oderbruch zwischen Eberswalde und Bad Freienwalde und hat rund 3000 Einwohner. Ein Ortsteil davon ist Cöthen. Der Pfarrsprengel Falkenberg hat laut Pfarralmanach fünf Gemeindeorte: Falkenberg/Mark, Niederfinow/Liepe, Hohenfinow, Dannenberg und Cöthen. Die Gemeinde Falkenberg, zu der Cöthen gehört, verzeichnet 276 Gemeindeglieder. Zuständig für den Pfarrsprengel ist Pfarrer Ulf-Winfried Radtke. Infos: www.kirche-falkenberg.de

Die Kirche vom 06/07. Februar 2010

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