Kirchen im Altkreis: Eine neue Turmspitze muss her

In Wernikow steht eine der ältesten Dorfkirchen der gesamten Prignitz

WERNIKOW - Normalerweise sind die Kirchen nur noch Heiligabend so richtig voll. Dann kommen auch Leute ins Gotteshaus, die übers Jahr fern bleiben. In Wernikow waren die Bankreihen aber bereits am 3. Advent voller Menschen. Ihr Anliegen hat aber eher etwas mit dem altehrwürdigen Feldsteinbau selbst zu tun – oder vielmehr mit dessen Turm. Sie, die Wernikower, wollen ihn nämlich wiederhaben – ihren alten Kirchturm.

Anfang Oktober hat sich ein Initiativkreis gebildet, der den Wiederaufbau der Kirchturmspitze vorantreiben will – und eines ist für sie klar: Sie möchten diesmal keine 40 Jahre ins Land gehen lassen. Denn das hatten ihre Vorfahren schon einmal.

Die Baugeschichte des Gotteshauses ist recht gut dokumentiert. Davon erfuhren die Besucher der Veranstaltung am 3. Adventssonntag von Klaus Mundt und von Michael Schulze-Herringen.

Die kleine gotische rechteckige Feldsteinkirche wurde in der Mitte des 13. Jahrhunderts erbaut. Die halbrunde Apsis, die ein bisschen an eine Grotte erinnert und den sehr schönen geschnitzten und bemalten Altar (von 1722) umrahmt, wurde etwa um das Jahr 1400 angebaut. Nachweislich wurde die Kirche 1419 von Raubrittern heimgesucht und dabei erheblich zerstört. Die Apsis ist der älteste Teil der Kirche.

Um 1600 wurde eine hölzerne Kanzel eingebaut, die laut einer lateinischen Inschrift auf dem Rand im Jahr 1608 repariert wurde. Etwa 1696 wurden auf der Nordseite Wappenscheiben in die Fenster eingesetzt.

300 Jahre nachdem die Apsis angebaut wurde, gab es erneut Bauarbeiten im großen Stil: Die Kirche bekam endlich einen Turm. Wann genau das war, ist nicht klar. Es gibt Quellen, die auf das Jahr 1709 hinweisen, und anderen Papieren zufolge war das erst 1746. Vielleicht war es aber auch so, dass sich der Turmbau etliche Jahre hinzog.

Christian Kannenberg aus Wittstock hatte unlängst im Landeshauptarchiv in Potsdam zu tun, und dort hat er auch Akten zur Wernikower Dorfkirche einsehen können. Er fand eine Menge Papier zu einem großen Unglück, das sich am 13. Mai 1848 ereignete. Wie aus einem "gehorsamsten Bericht und resp. Anzeige wegen einer alhier entstandenen Feuersbrunst" zu entnehmen ist, ereignete sich an diesem Tage "in dem Hause des ehemaligen Lehnschulzen, nahe bei der Kirche" ein betrüblicher Vorfall, "wodurch auch der im Jahre 1746 erbaute und mit Schindeln gedeckte Thurm vom Feuer ergriffen wurde und bis auf den Glockenstuhl gänzlich abgebrannt ist." Und weiter: "Durch die thätige Hülfe der benachbarten Ortschaften ist dem Feuer glücklicherweise Einhalt getan und so auch die Kirche aus der Gefahr des Verbrennens gerettet wurden."

Nach diesem Schreiben des Kirchenvorstehers folgten Brief um Brief – zumeist von der Gemeinde Wernikow an die königliche Regierung Potsdam mit dem Ersuchen um den Wiederaufbau des Turms. Unterstützung fand die Gemeinde später sowohl beim Superintendent Geißler als auch beim Landrat von Geaevenitz. 1862 gab es sogar eine Unterschriftensammlung, die von 41 Wernikowern unterzeichnet wurde. Manche Formulierungen in den Briefen verwundern den Leser heutzutage sehr. Der erwähnte Superintendent schreibt zum Beispiel im Jahr 1864, dass die innere Einrichtung der Kirche "nicht recht ansprechend und würdig ist." Der Generalsuperintendent Hoffmann notierte nach einer General-Kirchen- und Schul-Visitation im Jahr 1861 sogar: "Die kleine , alte häßliche Kirche zu Wernikow hat keinen Thurm." Das hatte sogar ernsthafte Konsequenzen, denn das Geläut aus dem notdürftig zusammengezimmerten Glockenstuhl war nicht mehr im ganzen Dorf zu hören. Kinder kamen zu spät zur Schule, die Arbeiter auf dem Feld hörten das Mittagsgeläut nicht mehr und wenn man die Sturmglocke nicht mehr hören konnte, war sogar Gefahr im Verzug.

Immer wieder wurde das Begehren ad acta gelegt – bis 1890 endlich der Neubau des Turms gestattet wurde. Er erhielt vier eigene Außenwände und wurde mit einem Durchgang in die Kirche versehen. Bis dahin betrat man das Gotteshaus durch einen Seiteneingang. Gleichzeitig gab es Veränderungen an den Fenstern.

An den hohen Kirchturm, der die Wipfel der Bäume deutlich überragte, erinnern sich noch die meisten Einwohner von Wernikow. Klaus Mundt erzählte davon, wie sich immer ein "Gefühl von Heimat" einstellte, wenn er von weitem den Kirchturm sah. Als er 1974 nach Hause kam, war dieser Anblick auf einmal verschwunden. Die Kirchturmspitze war abgenommen wurden, ebenfalls ein Teil des Mauerwerks. An diese Stelle war ein Notdach gekommen.

Seither gab es zwar immer mal wieder Arbeiten an dem Gotteshaus. 1979 bekam das Hauptdach zum Beispiel neue Betondachsteine – durch die es teilweise schon wieder hindurchregnet, sodass sogar schon einige Balken angegriffen sind. Auf dem Dachboden stehen Eimer, die das eindringende Regenwasser aufsammeln sollen.

Das Innere der Kirche mutet an wie ein Balanceakt zwischen äußerst schlicht und prachtvoll. Prachtvoll ist der wegen der Apsis recht niedrige, aber breite Altar aus dem Jahr 1722. Gedrehte Säulen, geschnitzte Elemente und zwei Bilder – das untere mit dem Abendmahl, das obere von der Kreuzigung Jesu – sind sehr gut erkennbar, wurde er doch vor nicht allzu langer Zeit restauriert.

Prachtvoll ist auch die Kanzel, die aus der Zeit der späten Renaissance stammt und einen kelchförmigen Fuß hat. Die alte, hölzerne Taufe ist allerdings stark beschädigt und steht schon seit vielen Jahrzehnten auf dem Dachboden. Sie wird ersetzt durch eine schlichte Taufe aus Stein.

Die Bänke mit den graden und unbequemen Rückenlehnen, die rund 120 Besuchern Platz geben, sind in graublauer Farbe gestrichen, wie auch das Gebälk der Decke.

Die Orgel – ein Instrument des Orgelbaumeisters Hollenbach aus Neuruppin, kam im Jahr 1900 in das kleine Gotteshaus. Sie ist im Moment nicht bespielbar. Dass sie wieder in Ordnung kommt, steht zwar ebenfalls auf der Wunschliste der Wernikower, aber andere Dinge sind vorerst wichtiger.

Ganz oben steht natürlich die neue Kirchturmspitze. Der Initiativkreis, der aus Mitgliedern des Dorfvereins "Alte Schule" besteht, und natürlich auch der Gemeindekirchenrat müssen sich erst einmal um eine Bestandsaufnahme kümmern. Das Architekturbüro Kannenberg soll das Gesamtprojekt fachlich begleiten. Dann gilt es, sich um die Finanzierung zu kümmern. Der Verkauf von Kaffee, Kuchen und Glühwein bei der Veranstaltung am 3. Advent hat schon mal 200,56 Euro in die Kasse gebracht. Ein Spendenkonto ist bereits eingerichtet, und wem das Einzahlen zu aufwändig ist, kann auch beim Hauptinitiator Klaus Mundt Spenden einzahlen. Weiteres Geld erhofft sich der Initiativkreis durch Veranstaltungen, für die es bereits Zusagen gibt. Die örtliche Jugendband will ein Konzert geben, der Männerchor Wittstock, der eine Reihe von Wernikower Mitgliedern hat, wird ebenfalls in der Kirche singen. Denkbar sind auch Lesungen. "Kirchen sind heute viel mehr als Gebetshäuser", sagt Klaus Mundt. "Sie sind auch Häuser der Lebensfreude. Die Kirche als Glaubensgemeinschaft hat nichts dagegen, wenn das Gebäude eine Nutzungserweiterung erfährt." Der wichtigste Grund für das kleine Dorf, dieses Vorhaben anzugehen ist für ihn aber folgender: "Unsere Dorfkirche wurde von unseren Vorfahren errichtet und unterhalten. Wir haben nicht das Recht, sie dem Verfall zu überlassen und sie künftigen Generationen wegzunehmen." Auch wenn’s nur Schritt für Schritt geht – dass die Wernikower in dieser Hinsicht beharrlich sind, haben sie bereits bewiesen. (Von Uta Köhn)

Märkische Allgemeine vom 23. Dezember 2009

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