KIRCHEN: Bei Moses und der Mumie

Fretzdorfer Gotteshaus wartet mit einigen Überraschungen auf

FRETZDORF - Die Fachwerkkirche von Fretzdorf ist weithin bekannt. Mehr als anderthalb Jahrzehnte begannen an dieser Stelle die Ostermärsche, die dann zu den größten im ganzen Bundesgebiet wurden. Tausende Menschen gingen dort vorbei, viele von ihnen auch hinein. Und tatsächlich, die Fretzdorfer Kirche bildet nicht nur eine Kulisse für Fotoapparate und Fernsehkameras, sie hat selbst einiges zu bieten, auch wenn man ihr das rein äußerlich vielleicht nicht ansieht.

Begonnen hat die Geschichte der Kirche mit ihrem Stifter, Ulrich Christoph von Stille, der noch heute unter den Fretzdorfern weilt – aber dazu später mehr. Dieser Herr, 1654 geboren, war ein großer Militär. Bereits im Alter von 16 Jahren trat er in die "Leibgarde zu Fuß" des Großen Kurfürsten ein, war später Kommandant preußischer Truppen, auch unter König Friedrich I. von Preußen, der ihn 1705 in den Stand eines Generalmajors erhob.

Gibt man im Internet seinen Namen ein, findet man im "Biographischen Lexikon aller Helden und Militärpersonen" auf mehreren Seiten seinen Lebensweg beschrieben. 1703 kaufte der Herr von Stille seinem Neffen das damals schon 300 Jahre alte Schloss in Fretzdorf und er ließ im Jahr danach die Fretzdorfer Fachwerkkirche nach seinen Vorstellungen erbauen. Vorher gab es nur eine Kapelle im Schloss.

Als von Stille 1728 starb, hatte er längst für seine Bestattung in Fretzdorf vorgesorgt, denn unter der Kirche ließ er bereits beim Bau eine Gruft anlegen, in die sein Leichnam bestattet ist. Eine Mumie in Fretzdorf? Es sind sogar zwei. Die Mumie eines Kindes liegt außerdem in der Gruft – wahrscheinlich handelt es sich um Gabriel, den Sohn der in Fretzdorf lebenden Witwe Anna von Brunn, der nach 1636 in Fretzdorf verstorben ist.

Sogleich kommt das Gespräch auf den alten Ritter Kahlbutz, dessen Mumie in Kampehl bei Neustadt Jahr für Jahr tausende Besucher anlockt – eine wahre Geldmaschine für den Ort. "Er hat so aufgedunsene Lippen", berichtet Georg Schmidt, der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates von Fretzdorf. "Wir haben überlegt, ob wir die Gruft zugänglich machen sollten, aber wir haben uns dagegen entschieden. Die Mumie ist ja nicht auf natürliche Weise entstanden, sondern von Stille ist einbalsamiert worden", schränkt Georg Schmidt eventuelle Sensationslust ein. Außerdem – als Arzt weiß er um die Gefahren, die von giftigen Schimmelpilzen ausgehen können, die sich in so einer Gruft bilden können. Also ist es schön, wenn unter dem Teppich, der über der Fußbodenklappe liegt, eine Gruft verborgen ist, aber dabei soll’s auch bleiben. Früher mal durften die Fretzdorfer Konfirmanden hinuntersteigen, aber das gibt es schon lange nicht mehr. Man kann sich getrost den anderen Ausstattungsgegenständen in der Fretzdorfer Kirche zuwenden.

Da ist zum Beispiel ein zweiter Mann, der ist allerdings schon ein paar tausend Jahre länger tot: Moses, bekannt aus dem Alten Testament. Eine Sandsteinfigur, fast lebensgroß, trägt die kunstvoll geschnitzte, sechseckige Kanzel, die noch aus der Bauzeit stammt. Der Fuß, der Korb und der Schalldeckel sind mit lebhaften, im Stil des Barock gefertigten Ornamenten verziert. Diese allein sind bereits eine wahre Augenweide. Zusätzlich stehen in den Nischen des Kanzelkorbes auch Figuren der vier Evangelisten und von Jesus.

Das Taufbecken ist neu. Erst vor zwei Jahren wurde es angeschafft. "Das alte war ohne jeglichen Wert", sagt Berthold Schirge. Es war nach dem Krieg provisorisch zusammengezimmert worden, und als er, der Pfarrer – neu für Fretzdorf zugeteilt – die erste Taufe vornehmen sollte, hat er sich sehr über den schlechten Zustand des Taufbeckens gewundert. Und so hat man sich dann im Gemeindekirchenrat darauf verständigt, ein neues anzuschaffen – gefertigt in einer Werkstatt in Herrenhut, jenem Ort, von wo auch die Losungen zusammengestellt werden.

Zeitlich zwischen der Kanzel und dem Taufbecken einzuordnen ist die Hollenbach-Orgel, Baujahr 1888, eine Stiftung des damaligen Gutsbesitzers. Sie befindet sich mittlerweile in einem sehr ordentlichen Zustand, denn sie wurde erst vor zwei Jahren restauriert.

Schon lange bestand der Wunsch, das Instrument gründlich überholen zu lassen. Als der Orgel ausgerechnet bei einer Beerdigungsfeier nur noch ganz schlimme Töne entlockt werden konnten, hat man sich in der Gemeinde gesagt, dass was passieren muss. Es wurde ein fünfstelliger Betrag investiert. Die Aktionsgemeinschaft zur Rettung historischer Orgeln und die Landeskirche gaben Zuschüsse. "Eigentlich ist es üblich, dass Orgeln ganz zum Schluss restauriert werden, weil sie sehr empfindlich sind", sagt Pfarrer Schirge. Aber wegen des sehr schlechten Zustandes wurde bei Fretzdorf eine Ausnahme gemacht.

Die Fenster des Gotteshauses sehen von innen besser aus, als sie eigentlich sind. Sie stammen auch nicht aus der Bauzeit sondern wurden nachträglich im gotischen Stil angefertigt – größer als die ursprünglichen Fenster, denn "man hätte nie so gebaut, dass die Empore einen Teil des Fensters verdeckt", sagt Schirge.

Die Patronatsempore stammt nämlich ebenfalls aus der Bauzeit – erkennbar ist das an der barocken Bemalung. Die Herrschaften saßen nicht unten beim gemeinen Volk. Die gemalten Wappen, die neben den schlanken Säulen die Empore zieren, sind die von den Familien von Stille und von Cosel.

Die Kirche bietet rund hundert Leute Platz. Im Winter finden die Gottesdienste aber im kleinen Anbau statt, dort gibt es auch eine Heizung.

Für den Förderverein, dessen Vorsitzende Sigrid Schmidt ist, gibt es noch eine Menge zu tun. Die Sanierung des Gotteshauses ist zwar angeschoben, der Turm, die Orgel und die Hälfte des Fachwerks sind in Ordnung. Es bleibt aber noch viel zu tun. Von dem kleineren Dingen ist es ein Gemälde, das aus dem 17. Jahrhundert stammt und noch schon in der früheren Schlosskapelle hing. Der Eingangsbereich, die Innenwände und die zweite Hälfte des Fachwerks sind noch offen. Schätzungsweise 400 000 Euro müssen noch in die Sanierung investiert werden. Die Kirchengemeinde hat im Moment rund 25 000 Euro. Ohne Fördermittel ist also nichts zu machen.

Obwohl die Kirche evangelisch ist, ist das Fretzdorfer Gotteshaus das einzige weit und breit, in dem auch katholische Gottesdienste stattfinden, denn im Ort leben vergleichsweise viele Katholiken, die sogar zweimal im Monat zusammenkommen. Die Mitglieder der evangelischen Gemeinde feiern nur einmal pro Monat ihren Gottesdienst.

Seit einigen Jahren gibt es aber auch eine gemeinsame Veranstaltung: Das Erntedankfest. Dieses Jahr wurde das erste Mal eine Kaffeetafel ausgerichtet, und das Ganze kam so gut an, dass es im nächsten Jahr wiederholt wird. (Von Uta Köhn)

Märkische Allgemeine vom 25. November 2009

   Zur Artikelübersicht