KIRCHE: An der Zeitenwende

Nach Jahrzehnten des Stillstands soll in der nächsten Woche die Vicheler Kirchturmuhr wieder schlagen

VICHEL - Ulrich Frank hält die Zeit in seinen schmalen, von der Arbeit geschwärzten Händen. Das Zahnrad schimmert in der Herbstsonne. Mal mehr, mal weniger. Je nachdem, wie Ulrich Frank den Metallreif beim Feilen dreht und wendet. Der letzte Schliff. Ulrich Frank arbeitet jetzt nur noch nach. Die große Reparatur ist getan. Auf der Werkbank, die er vor der Vicheler Kirche aufgestellt hat, liegen die Einzelteile der Turmuhr. Nächste Woche ist es soweit, sagt Frank. Dann soll die Uhr wieder schlagen.

Während er so feilt, innehält, abschätzt, weiterfeilt, setzt Detlef Schnabel nebenan die Zange an. "Ohne ihn wäre ich aufgeschmissen", sagt Ulrich Frank. Schnabel, der gelernte Agrotechniker, kennt sich aus mit schwerem Gerät. Und genau das ist die Kirchturmuhr für den Goldschmied Ulrich Frank – schweres Gerät. Die Uhr ist sein Einstand als Großuhrmacher. Von Uhren von diesem Format hat er bisher die Finger gelassen, hat stattdessen Armbanduhren repariert, entworfen, selbst gebaut. Seit Jahren wolle er Größeres anpacken. "Immer wieder kam etwas dazwischen", sagt Frank. Der Umzug ins havelländische Görne, Aufträge, die Geburt des jüngsten Sohnes. Dann kam er über drei Ecken, wie er sagt, nach Vichel. Über Verwandte, Bekannte, übers Hörensagen haben der Goldschmied und der Förderverein Vicheler Dorfkirche zueinander gefunden.

"Wenn einmal gute Kräfte wirken, kommen andere gute Kräfte hinzu", sagt der Vicheler Ortsvorsteher Peter Masloch. 20 000 Euro würde die Reparatur der Kirchturmuhr kosten, schätzt er. Ulrich Frank aber nimmt keinen Lohn. Der Förderverein bezahlt lediglich Material und Anfahrt, und wenn einmal genügend Spenden in der Kasse sind, sollen neue Ziffernblätter gekauft werden. Die alten sind durchgerostet und haben Löcher so groß, dass man die Faust durchstecken kann.

Von 1868 stammt die Uhr. Wind und Wetter, der Taubendreck und das Vergessen haben ihr zugesetzt. "Eigentlich musste alles, jedes Teil, repariert werden", sagt Schnabel. "Aber man kann nicht meckern", sagt Frank. Ab und an gesellt sich ein Vicheler zu den beiden, schaut ihnen auf die schwarzen Finger, plaudert. So haben sie zum Beispiel erfahren, dass die Uhr noch kurz nach dem Krieg funktionierte. Warum sie den Dienst versagte, konnten sie allerdings nicht in Erfahrung bringen. Und auch ob sie zur Mittags- oder zur Abendbrotzeit stehen geblieben ist, hat sich niemand gemerkt. Peter Masloch nicht. Und nicht der Goldschmied und sein Helfer, die die unterarmlangen Zeiger gerade erst abmontiert haben. Ulrich Frank streicht sich übers Silberhaar. "Ach, darauf hab’ ich gar nicht geachtet." – "Na, es wird wohl fünf vor zwölf gewesen sein", sagt Peter Masloch. "Bleiben Uhren nicht immer um fünf vor zwölf stehen?" Die Männer lachen.

Weitere Infos gibt es unter www.foerderverein-vicheler-dorfkirche.de. (Von Nadine Fabian)

Märkische Allgemeine vom 23. September 2009

   Zur Artikelübersicht