Vetschau: Wiedergeburt einer "Königin"

Vetschau "Im Jahre 1859 von dem Orgel-Bau-Meister Herrn Kaltschmidt, dessen Sohn und Gehülfen Herrn Holtz u. Tillack und Dinse erbaut worden", hat Friedrich Wilhelm Kaltschmidt, der Meister persönlich, mit Bleistift auf die Rückseite des Notenpults der Kaltschmidt-Orgel in der Wendischen Kirche in Vetschau geschrieben. Dieses Exemplar der Königin aller Instrumente ist die einzig erhaltene ihrer Art in Brandenburg und wird nach siebenjähriger Rekonstruktion zum Tag des offenen Denkmals am Samstag 19 Uhr, erstmals in einem anspruchsvollen Konzert erklingen.

Wiedergeburt einer "Königin" 
Neugierige Blicke richten sich auf die Kaltschmidt-Orgel in der Wendischen Kirche in Vetschau im Jahr 2002. Zu dieser Zeit war sie erst seit wenigen Tagen bespielbar. Sieben Jahre sind seitdem vergangen. Anlässlich des Tages des Denkmals wird sie am Samstag, 12. September, 19 Uhr, erstmals in einem anspruchsvollen Konzert erklingen.
Archivfoto: Erich Schutt

"Allen zum Trotz, die Orgel spielt jetzt wieder", hatten sich im September 2002 all jene um Lothar Rechenberg, heute Vorsitzender des Fördervereins Wendische Kirche, gesagt, die nach dreimonatiger Fleißarbeit für diesen besonderen Augenblick gesorgt haben: Am Tag des offenen Denkmals war das Prachtstück bespielbar. Um das zu schaffen, bedurfte es schon einer an Besessenheit grenzenden Begeisterungsfähigkeit des Jürgen Schlag, sagte damals Klaus Lischewsky, heute Pfarrer im Ruhestand. Das sei nicht mit Geld zu bezahlen gewesen, was sich bis dahin getan hatte.

Jürgen Schlag aus Berlin, der schon im Berliner Dom für beste Akustik gesorgt hatte, ist kein Orgelbauer, hat aber eine Beziehung zur Wendisch-Deutschen Doppelkirche, die geradezu symbolisch ist. Sein Großvater hat die Orgel in der deustchen Kirche gebaut. Und der Enkelsohn half, sie zu sanieren. "Dort hatte ich ein großes und intaktes Werk vorgefunden, das auf mich wartete wie ein alter Schuh. Aber ich fragte mich: Was willst du eigentlich hier? Die Orgel sah erbärmlich aus, die Kirche nicht viel besser", erinnerte er sich damals. Schließlich wurde die Orgel von Schlag & Söhne in der Deutschen Kirche Ende 1989 eingeweiht.

20 Jahre später nun wird ihre Nachbarin Antwort auf die Frage geben, wozu Besessenheit von Menschen mit großen Herzen und Enthusiasmus führen kann.

Wäre der Universitätsorganist Dr. Wieland Meinhold, der die Kaltschmidt-Orgel im Sommer 2007 gespielt hat, am Samstag Zuhörer, er würde es kaum glauben. Den Zuschauern von damals hatte er gesagt, dass es ihm die Orgel besonders angetan habe, wobei er auch zugab, durchaus zwischen Liebe und Hass zu schwanken. Denn einerseits pflege jeder Organist eine große Liebe zur Königin der Instrumente. Andererseits sei die Kaltschmidt-Orgel eine der am schwersten spielbaren. Kein Wunder, denn beim Betätigen nur einer Taste mussten 700 Gramm gestemmt werden. Die großen und kleinen Restauratoren in Vetschau haben dieses Gewicht bis auf 200 Gramm reduzieren können. Martin Stephan aus Westerland auf Sylt wird am Samstag demonstrieren: Die Kaltschmidt-Orgel der Wendischen Kirche, sie klingt wie an ihrem ersten Tag. Er wird begleitet von Lars Ranch aus Berlin mit seiner Trompete.

Am Sonntag beginnt um 10 Uhr ein wendischer Gottesdienst. Ab 14 Uhr führen Orgelbaumeister Matthias Voigt, Kirchenmusikdirektor Lothar Graap und Jürgen Schlag für alle Interessierten die Orgel vor. Um 17 Uhr heißt es "Ich mach' ein Lied aus Stille" Lieder und Chansons mit Texten von Eva Strittmatter werden zu hören sein.

Hannelore Kuschy

Lausitzer Rundschau vom 10. September 2009

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