Das Geläut hat die Heinsdorfer geweckt

In Brandenburg entdecken die Menschen ihre alten Dorfkirchen nicht nur die Gläubigen

 Dorfkirche Heinsdorf

Das Bundesland Brandenburg gehört zu den am stärksten säkularisierten Gegenden in Europa. Das ehemalige evangelische Stammland wurde zur Diaspora. Inzwischen bemühen sich viele Brandenburger um die Restaurierung zahlreicher Kirchen egal, ob sie Kirchenmitglieder sind oder nicht.

Wenn man Pfarrer Joachim Boekels fragt, wie viele Gemeindemitglieder er hat, dann holt er seinen "Blackberry" aus der Tasche. Unter den alten Bäumen des Heinsdorfer Dorfangers wirkt das schwarze Profihandy wie vom Mond gefallen. Die Ruine hat kaum noch etwas von einer Kirche. Die Grabsteine liegen gestapelt an einen Baum gelehnt, als ob jemand den Friedhof aufgeräumt hätte. Das Kirchenschiff ist zugeschüttet und zu einem grünen Hügel angewachsen. Es gibt eine Wiese und einen Teich. Schade um den schönen Park, könnte man denken. Der Turm macht Angst, so brüchig ist er. Wer hier an Renovierung denkt, muss Fantasie haben. Oder ein gutes Gedächtnis. Seit 45 Jahren ist hier kein Gottesdienst mehr gefeiert worden. Aber Günter Niendorf, Jahrgang 1936, weiß es noch genau. Hier ist er konfirmiert worden, hier hat er geheiratet. Er zeigt auf den grünen Hügel. "Dort sind meine Kinder getauft worden." Dort, wo das Unkraut wuchert, soll die Apsis gestanden haben, dort, wo jetzt eine Eiche sich wild emporreckt, stand der Altar. Günter Niendorf ist in Heinsdorf geboren. "Den Klang der Orgel habe ich noch im Ohr", sagt er. "Das war die beste in der ganzen Gegend."

200 Menschen leben heute in dem Dorf, das 100 Kilometer südlich von Berlin liegt. 30 gehören zur evangelischen Gemeinde von Pfarrer Boekels. "Seit gestern sind es 29", korrigiert er sich. Denn gestern ist einer gestorben. Das hat er noch nicht aktualisiert in seinem Taschencomputer. Zwei Katholiken gibt es noch, oder drei. Ein paar gehören einer freikirchlichen Gemeinde an. "Der Rest ist nichts."

Früher war das anders, da waren 80 Prozent evangelisch, das kann man in den Kirchenbüchern nachlesen. Aber früher ist schon lange her, 1932 sei das noch so gewesen. Einen eigenen Pfarrer hat Heinsdorf schon seit 1940 nicht mehr. Pfarrer Boekels ist für 13 Kirchen zuständig in 16 Dörfern. Insgesamt betreut der junge Theologe, der in Berlin promoviert hat, jetzt 850 Seelen in den Weiten der Brandenburger Provinz. Jüterborg ist um die Ecke, 70 Kilometer sind es zur Lutherstadt Wittenberg. Das ehemalige evangelische Stammland ist zu seiner eigenen Diaspora geworden.

Doch als vor zwei Jahren die Glocken wieder läuteten, war alles anders. Das ganze Dorf kam auf dem Anger rund um die alte Kirche zusammen und staunte. "Viele hatten Tränen in den Augen", erinnert sich Gerhard Schliebener. Das hatten viele vermisst, den Klang im Dorf, die gewohnte Taktung im Alltag. Er hat die Glocken wieder in Gang gesetzt. Der Glockenstuhl droht einzustürzen, aber für das eine Mal hat ihm der Pfarrer den Schlüssel gegeben. Das Geläut hat die Heinsdorfer geweckt. Alle wollen jetzt, dass die alten Stahlglocken von 1924 wieder läuten. Alle, ob Kirchenmitglieder oder nicht. "Mit dem Verstand erreichen wir viele nicht mehr, aber mit dem Gefühl schon", so erklärt Pfarrer Boekels das Heinsdorfer Glockenereignis. Gerhard Schliebener und Günter Niendorf haben zusammen mit anderen dann einen Förderverein gegründet.

250 Initiativen unterstützen den Förderkreis Alte Kirchen

Allein die 200 Dorfbewohner haben 8400 Euro Spenden aufgebracht. Inzwischen ist die Kirche zum Baudenkmal erklärt worden, und mit der Ausgrabung haben sie begonnen. Schon ist der jahrhundertealte Kirchenboden ein Stück weit zu sehen. Doch bis die Glocken wieder läuten, dauert es noch. Weihnachten 2010 ist das Ziel. Vor allem fehlt es an Geld.

In Brandenburg gibt es insgesamt etwa 1400 Kirchen. Fast jedes Dorf hatte ein Gotteshaus. Viele von ihnen sind massive mittelalterliche Feldsteinkirchen, die Landschaft und Charakter der Gegend geprägt haben. Erst das 20. Jahrhundert hat ihnen zugesetzt und sie in vielen Orten zu Ruinen werden lassen. Brandenburg und Berlin gelten als am stärksten säkularisierte Region Europas. 1990 gründet sich der Förderkreis Alte Kirchen, der seitdem über 250 örtliche Fördervereine unterstützt. Inzwischen sind Brandenburgs Dorfkirchen zur touristischen Marke geworden. Ein umfangreiches Programm lockt im Sommer die Hauptstädter in die Provinz, um auf dem Land plötzlich Kirchen zu entdecken.

Das erste Dorf, das seine Kirche niedergerissen hat

Es gibt ganz unterschiedliche Initiativen in Brandenburg. In Wittenberge in der Prignitz, direkt an der Elbe, im Norden Brandenburgs, beispielsweise ist die Situation ganz anders. Dort stehen zwei große Kirchen mitten in der Stadt, eine evangelische und eine katholische. Jeden Sonntag wird in St. Heinrich die heilige Messe gefeiert. Was fehlt, ist der 18 Meter hohe Turm. "Die katholische Kirche sieht man gar nicht, weil sie nicht mehr herausragt", sagt der Vorsitzende des dortigen Fördervereins, Günther Mikolasch. Das ärgert ihn und seine Mitstreiter umso mehr, weil Wittenberge auch als Stadt der Türme berühmt ist. Er wirbt für den Wiederaufbau. Im Krieg war die Kirche in Wittenberge fast ganz zerstört gewesen, beim Wiederaufbau wird die lange Spitze weggelassen. Die Katholiken wollen wieder zur Silhouette, zur Ansicht der Stadt gehören, so wie es 1889 bei der Einweihung in der damaligen Zeitung gerühmt wurde. Mikolasch schreibt für sein Ziel ehemalige Gemeindemitglieder an, damit sie helfen. Kürzlich war Schauspieler Udo Schenk zum Stadtfest gekommen, um für den neuen katholischen Kirchturm Geld zu sammeln. Sogar Kölns Erzbischof Kardinal Joachim Meisner hat für Wittenberge gespendet. Er habe sich an die Kirche erinnert. Doch noch reicht die Summe bei Weitem nicht.

War das DDR-Regime schuld am Abriss der Kirche oder doch die Kirchenleitung? Im Heinsdorfer Dorfkrug ringt man beim Bier um die Geschichte. Schliebener verweist auf die Akten. Dort steht, Grund für die Schließung des Gotteshauses war eine nach außen wandernde Seitenwand. Mehrmals hat ein Kirchenbaurat sich die Sache in den 60er-Jahren angeschaut und schließlich Baufälligkeit vermerkt. Erst wird die Schließung des Gebäudes angeordnet. Der Gemeindekirchenrat sträubt sich noch. 1970 stimmt er der Schleifung seiner Kirche zu. Die Kirche wird ausgeräumt, das Dach wird abgetragen, alles in das Kirchenschiff gekippt. Dann wächst Gras drüber. Aber wo ist die Orgel geblieben? Wo der Barockaltar aus dem Jahr 1717? Wo ist die Kanzel? Wo die Verzierungen der großen Patronatsloge? "Der geschnitzte Jesus lag auf der Wiese rum", erinnert sich Günter Niendorf. Keiner hat sich damals drum gekümmert. Irgendwo sollen noch die Putten vom Altar verwahrt worden sein, doch gefunden haben sie die Engel noch nicht. Natürlich habe die SED-Führung das mitbetrieben, meint Niendorf. "Als ich damals zu einer Schulung nach Potsdam musste, wurde Heinsdorf als sozialistisches Musterbeispiel gepriesen, weil es als erstes Dorf seine Kirche niedergerissen hat."

Ein Dach, damit die Ruine wieder Kirche wird

Gerhard Schliebener hebt die blaue Abdeckung an. Ein Stück Seitenwand haben er und viele Helfer in Handarbeit schon wieder ausgegraben. Entdeckt haben sie dabei ein mittelalterliches Weihekreuz. Es ist ungefähr aus dem Jahr 1240. Die Kirche ist demnach um die 770 Jahre alt, noch mal 200 Jahre älter als man das Dorf ursprünglich geschätzt hat. Auch die Kirchentür stammt noch aus der Zeit. Das Denkmalamt ist jetzt ganz aufgeregt, weil schon allein der Putz so wertvoll ist. Er muss saniert werden. Für den Förderkreis sind das wiederum 3000 Euro.

Schliebener hat sich für dieses Jahr die Turmsanierung vorgenommen. Dafür hat er das Geld zusammen. Die Sparkasse gibt etwas, die benachbarte Stadt Dahme, zu der das Dorf gehört, hilft auch. Natürlich machen alle im Ort mit. Doch damit die Glocken wieder läuten können, braucht er noch mehr. Den Stromanschluss will er sich vom Energieversorger sponsern lassen, noch hat er das nicht in der Tasche. Er möchte das ganze Kirchenschiff freiräumen lassen. Mit der Humboldt-Universität ist besprochen, dass Architekturstudenten eine Idee für ein Dach entwickeln. Ein Dach, damit die Ruine wieder Kirche wird. Schliebener war zu DDR-Zeiten bei der Marine. Er war als Seeoffizier mehr in Leningrad und Baku als in Heinsdorf. Er ist zurückgekommen, um sein Zuhause wieder aufzubauen. Dabei dürfen auch die Touristen helfen. Durch Heinsdorf rollt jetzt der "Fläming-Skate". Das ist ein asphaltierter Weg, der sich durch die Landschaft schlängelt. Fläming, so heißt die Region nach den Flamen, die hier gesiedelt haben. Der "Fläming-Skate" ist ein Magnet für Skater, Radfahrer und sogar Rollstuhlfahrer. "Unsere Kirche soll barrierefrei sein", sagt Schliebener. Und er benutzt das Wort von der "Skater-Kirche". Warum nicht, meint er. Aus der Feldsteinkirchenruine könnte auch ein Gotteshaus für rollende Städter werden. Der Pfarrer mit dem "Blackberry" ist begeistert.

Autor: Volker Resing

Der Artikel erschien wortgleich am 9. August 2009 im "Konradsblatt", der Wochenzeitung für das Erzbistum Freiburg, und am 23. August 2009 im "Kirchenboten", der Wochenzeitung für das Bistum Osnabrück

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