TOURISMUS: Geschichten aus der Gruft

Die Schlosskirche von Prötzel soll zur Attraktion werden

PRÖTZEL - Der Blick durchs vergitterte Kellerfenster schockiert: In der Familiengruft derer von Eckardtstein unter der Schlosskirche von Prötzel (Märkisch Oderland) sieht es aus, als hätte ein Wirbelsturm gewütet: Hölzerne Sargteile, aufgebrochene Zinksärge und menschliche Knochen bilden ein trauriges Sammelsurium. "In den 90er-Jahren haben hier die Vandalen gehaust", grollt der Kirchenälteste Eberhard Klemke.

Obwohl das Fenster der einzige, winzige Zugang zur Gruft ist, hatten Jugendliche das Gitter aus dem Fundament gebrochen, waren ins Innere geschlüpft und hatten auf der Suche nach Wertvollem die acht Särge aufgebrochen. Durch die Störung der Totenruhe entdeckten Mitglieder der Kirchengemeinde beim Aufräumen allerdings etwas, das künftig Touristen in Scharen nach Prötzel locken soll: Einige der Leichen sind mumifiziert.

Doch inzwischen hat sich Schimmel breit gemacht. Um den weiteren Verfall an den Mumien zu stoppen, empfahl eine Archäologin dringend die Restaurierung. Die acht hölzernen Dachtruhensärge aus dem 19. Jahrhundert, darunter ein Kindersarg, seien im "im Wesentlichen" wieder zusammensetzbar.

Im kommenden Jahr soll das 1697 errichtete Gotteshaus saniert, die Gruft wieder zugänglich gemacht werden. An der 400 000 Euro teuren Schönheitskur beteiligen sich neben Gemeinde, Kirchenkreis und Landeskirche auch die Stiftung Denkmalschutz, das Amt Barnim-Oderbruch und die Gemeinde Prötzel.

Erste Sicherungsmaßnahmen gab es in Regie des Kirchenrates bereits Mitte der 90er-Jahre am Turm, erinnert sich Klemke. Für den zweiten Bauabschnitt, das Kirchenschiff, hatte das Geld gefehlt. Auch um die Gruft hatte sich damals niemand gekümmert. Ein 2003 gegründeter Förderverein sammelt seit Jahren Geld für die Sanierung. "Zu unseren mehr als 40 Mitgliedern gehört auch der Familienverband derer von Eckardtstein", erzählt der Vereinsvorsitzende Rolf Kaupat, "Die sind sehr interessiert an der Wiederherstellung der letzten Ruhestätte ihrer Ahnen, beteiligen sich auch finanziell."

Die Mumien sind laut Kaupat längst nicht die einzige Attraktion der Kirche im 800-Seelen-Ort. "Unser Kirchturm steht falsch", sagt der 72-Jährige und weist auf den barocken Anbau von 1786. Üblich sei es bei Sakralbauten gewesen, den Turm an der Westseite zu errichten, erklärt der Vereinschef. In Prötzel steht er an der Ostseite, dem Schloss zugewandt. "Die Schlossherren hatten auch das Patronat über die Kirche, vielleicht hängt es damit zusammen", mutmaßt Kaupat.

Die Kirche hat längst nicht alle ihre Geheimnisse preisgegeben: Erbauer des Schlosses ab 1712 waren nicht die von Eckardsteins, sondern Paul Anton Kamecke, Kammerjunker und Oberhofmeister von Preußenkönig Friedrich I. "Er selbst wurde zwar nicht in Prötzel beerdigt, wohl aber seine Frau Anna Friederike, Gouvernante von Friedrich II., sowie weitere Familienangehörige", erzählt Kaupat. 1801 erwarb Ernst Jacob Freiherr von Eckardstein das Gut Prötzel. Die 1712 angelegte Kamecke-Gruft musste für die neuen Besitzer freigeräumt werden. Bis heute sind die Särge der ersten Schlossherren verschwunden.

Doch inzwischen gibt es erste Anhaltspunkte. Vor zwei Jahren hatte Hangwasser nach starkem Regen die Kirche unterspült, der Boden im Inneren war stellenweise eingebrochen. Bei archäologischen Untersuchungen mit einem Radargerät wurden darunter große Natursteinplatten ausgemacht, die auf Feldsteinfundamenten ruhen. "Möglicherweise liegen dort die von Kameckes", sagt Kaupat. Doch auch in der Gruft ist der Boden an einer Ecke um einen halben Meter weggesackt. Archäologen vermuten auch dort eine ältere Begräbnisstätte. (Von Jeanette Bederke)

Märkische Allgemeine vom 04. Juli 2009

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