KULTUR: Den Pfeifen geht die Puste aus

Der Holzwurm rumort in der Niederlehmer Kirchenorgel, ein angehender Orgelbauer sucht Mitstreiter für ihre Rettung

NIEDERLEHME - Die Pfeife heult, kaum dass Alexander Gütter den Schalter fürs Register umgelegt hat und der Luftstrom durch den Orgelbauch zieht. Da stimmt doch etwas nicht, oder ist vielmehr: verstimmt. Der junge Mann bleibt relativ gelassen, er weiß um das Problem: "Die Mechanik muss nachreguliert werden, einige Bauteile sind ziemlich abgenutzt, das ergibt die Tonausfälle oder Verzögerungen." Dann beginnt er zu spielen, und obwohl die Orgel "krank" ist, klingt sie für Laienohren warm und harmonisch.

Alexander, 20 Jahre alt, ist angehender Orgelbauer. Kommendes Frühjahr beendet er seine Ausbildung, hofft, "dass ich in der Nähe eine Stelle finde". Sein Lehrbetrieb sitzt in Frankfurt (Oder), die Auftragslage in dem ausgefallenen Handwerk ist gut: "Immer mehr Kirchen werden erhalten, auch hier in Brandenburg", erzählt er und begründet seine Beobachtung: "Kirchen gelten als Kulturträger, das wird der Öffentlichkeit zunehmend bewusst."

Das ist es auch den Niederlehmern. Ein Förderverein für die Kirche befindet sich gerade in der Gründung, neun Mitstreiter hat er bereits, vorneweg: Alexander Gütter und sein Kumpel Max Schirrmacher, ebenfalls 20. Die Orgel kennen sie so gut wie kaum ein anderer Niederlehmer, sehen aber auch mit Sorge die Holzmehlhäufchen unter den Pfeifen, dem Gehäuse und dem Spieltisch, die ständig mehr werden: Das 95 Jahre alte Instrument ist vom Holzwurm befallen. Vorläufig kann Alexander noch darauf spielen, langfristig will er, erst recht, weil er die handwerkliche Seite kennt, die Orgel in ihren Urzustand zurückversetzen. 35 000 Euro sind nötig, um sie zu reparieren.

Auch der Windmotor aus den 1960er Jahren ist recht betagt. Er pumpt Luft in den Blasebalg im Orgelinnern. Dieser hebt und senkt sich, als sei das Instrument ein riesiges, atmendes Tier. Max zeigt auf einen Hebel: Ehe der Motor kam, sei der Blasebalg per Hand betrieben worden, erklärt er und fügt hinzu: "Wie beim Grill."

Diejenigen, die den Organisten so kräftig unterstützten, haben sich auf der Innenseite des Orgelgehäuses an einer Tür verewigt, mit Bleistift oder Kreide. In Augenhöhe ist das Jahr 1929 vermerkt, da waren Orgel und Niederlehmer Kirche 15 Jahre alt. Alexander Gütter und Max Schirrmacher sitzen 80 Jahre später an derselben Stelle, weil sie sich nach ihrer Konfirmation freiwillig bereiterklärten, jeden Samstag die Glocken zu läuten. "Dadurch waren wir halt immer hier", sagt Max. Dadurch fiel ihr Augenmerk auf die Orgel. Alexander, der als Kind Klavier spielen lernte, saß bald am Spieltisch und begleitete die Gottesdienste. "Die Kirche ist uns ans Herz gewachsen", sagen sie unisono, Max außerdem: "Es ist ein schönes Gefühl, die ganzen Geheimnisse zu kennen, die dieses Haus in sich trägt."

Eins davon behält die Kirche hartnäckig für sich, nämlich, wie sie einst innen aussah. Alexander und Max haben nachgeforscht, lauter Aussenaufnahmen aufgetrieben, "vom Innern der Kirche aber nicht eine einzige", bedauern sie. Wenige Anhaltspunkte beweisen, dass das Gotteshaus ziemlich prunkvoll ausgesehen haben muss, ehe es 1974 einen schlichten Neuanstrich bekam: Eine Säule auf der Empore enthält noch ein Stück der ursprünglichen Farbgebung Jugendstilranken, Spiralen, Schnörkel. Weil eine im Fußboden verschraubte Bank davorstand, blieb der detailreiche Wandschmuck lange unentdeckt.

"Auch die Orgel war bemalt", glaubt Alexander. Er deutet auf eine Unregelmäßigkeit im grauen Anstrich des Gehäuses, schwach zeichnet sich darunter ein geflochtenes Dekor ab. Es soll erneuert werden. Ist die Orgelmechanik einmal saniert, will sich der Förderverein dafür einsetzen. "Das passt dann auch zur neobarocken Bauweise", findet der Orgelbauer in spe. Schon ist er wieder vom Spieltisch aufgestanden und zeigt einen kleinen Lederlappen, der wie ein Mini-Staubsaugerbeutel aussieht. Das kreisrunde Loch an der Oberseite wird von Filz gesäumt. "Eine Ledermembran wie diese liegt unter jeder Pfeife", klärt Alexander auf, "sie hält den Wind, damit die Pfeife klingt. Die Membranen dieser Orgel sind seit ihrem Bau 1914 nicht ausgetauscht worden." Auch das sei bei der Orgelsanierung fällig, "denn sie sind mit den Jahren porös geworden". Ergebnis: Die Luft zischt zu schnell aus dem "Beutel", die Pfeife heult, klingt aber nicht.

Orgel, Schiff, Pfarrhaus, alles soll zum 100. Geburtstag der Kirche hübsch sein. Das Pfarrhaus wird schon saniert, bald zieht dort eine Familie ein. Der Mann mit der Schleifmaschine winkt den Jungs zu. "Ich muss meinem Vater jetzt helfen", sagt Max, grinst, und verschwindet. (Von Tanja Kasischke)

Märkische Allgemeine vom 20. Juni 2009

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