ARCHÄOLOGIE: Funde zwischen Dielenritzen

Griffel, Groschen und Glasreste: Grabungsteam durchsiebte Kirchenboden von Werbig

WERBIG - Der spätromanische Feldsteinbau ist das Schmuckstück von Werbig. Trotzdem könnte der Sakralbau noch viel mehr hermachen, sind sich die Einwohner des kleinen Dorfs im Niederen Fläming einig. Ein altes Foto zeigt die Kirche, wie sie einmal aussah mit hübschem Fachwerkzwiebelturm aus dem Barock. Wegen Baufälligkeit riss man den Turm jedoch 1968 ab. Seitdem läutet die Glocke an einem zechenähnlichen Gerüst.

Um ihrer Kirche wieder zu ursprünglicher Ästhetik zu verhelfen, sammeln die Werbiger seit Jahren für den Wiederaufbau ihres Kirchturms. Bevor jedoch damit begonnen werden kann, musste die Statik des alten Turms geklärt werden. Neben großen Findlingen und Balken, auf denen das Gewicht des alten Turmes lastete, fand Kreisarchäologe Stefan Pratsch beim Abtrag des Bodens zahllose Zeugnisse jahrhundertealter Kirchengeschichte.

Sie wirken zwar unscheinbar, die Splitter von glasierten Gefäßen aus dem 17. und 18. Jahrhundert, Putzreste von alten Weihekreuzen und die metallenen Buchschließen von alten Gesangbüchern. Doch so manches Fundstück plaudert gewissermaßen aus der Historie des Gotteshauses. So zeugen etwa Fragmente von Tonmurmeln, Schiefertäfelchen und Griffeln davon, dass hier früher Kinder Latein- und Religionsunterricht erhalten haben. Und bunte Glasreste lassen darauf schließen, dass die Kirchenfenster dereinst farbenprächtige Bleiglasfüllungen hatten.

Unter den ältesten Funden, die das Grabungsteam um Andreas Pratsch der Erde entlocken konnte, befinden sich Münzen aus dem 15., 16., aber auch 17. Jahrhundert. Hierbei handelt es sich etwa um eine sächsische Münze aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts sowie eine ganze Reihe von Pfennigen und Hellern der Groschenwährung bis 1500. "Kleine-Leute-Geld" nennt Pratsch die Münzen, die vergleichsweise nicht mehr wert waren als die heutigen Cent-Stücke.

Wie die Kirchgänger von Werbig früher ausgesehen haben, darüber gibt eine große Stecknadel Aufschluss. Sie stammt aus dem 17. oder 18. Jahrhundert und war Teil der voluminösen eckig geformten Haubentracht, wie sie für den Fläming typisch war.

"Dass wir bei unseren Grabungen so viel finden konnten, verdanken wir den Dielen, mit denen der Kirchenboden früher verlegt war", erklärt Stefan Pratsch. Was einmal zwischen die großen Ritzen der Dielenplanken fiel, blieb dort klemmen und sickerte im Lauf der Jahrhunderte in immer tiefere Erdschichten. (Von Andrea Keil)

Märkische Allgemeine vom 20. Februar 2009

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