Wie Hasenholz dem Verfall seiner Kirche entgegentritt

Christen und Astheisten retten in der Brandenburger Gemeinde ihr Gotteshaus

Von Andrea von Fournier¹

Den vom Speckgürtel um Berlin und Potsdam entfernten Brandenburger Regionen kehren die Menschen den Rücken, meist die jungen. Auch die Kirchengemeinden schrumpfen, wie jene in Hasenholz. Gleichzeitig wächst der Sanierungsbedarf bei den Gotteshäusern. Weil ausreichende Mittel dafür nicht in Sicht sind, haben die Hasenholzer einen Verein gegründet und einen überregionalen Förderer ihrer Initiativen gefunden.

Freudig hält Angelika Gathow den symbolischen Check in der Hand. Stellvertretend für ihren Verein nahm sie ihn kürzlich in der Kirche von Ferchesar im brandenburgischen Havelland entgegen. 2500 Euro - bei einem Einkaufsbummel müsste man damit nicht kleinlich sein. Doch ihr Hasenholzer Verein hat Grösseres damit im Sinn. Hasenholz ist ein idyllisches 64-Seelen-Dorf in Märkisch-Oderland, 50 Kilometer östlich von Berlin, 45 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Angelika Gathow liebt die Ruhe und Abgeschiedenheit, ihre Kinder sind die fünfte Generation am Ort. Als Kirchenälteste sorgt sie sich um die Erhaltung ihrer Kirche. Der kleinen Gemeinde wegen finden Gottesdienste nur unregelmässig und meist zu den Festen statt. Das schlichte Feldsteinbauwerk müsste dringend saniert werden. Die Kirchengemeinde Buckow, zu der Hasenholz gehört, investiert bereits in die Erhaltung, doch die Mittel reichen nicht. Darum hat Gathow Gleichgesinnte um sich geschart. Ihre Aktivitäten wurden jetzt vom «Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg» (FAK) gewürdigt.

Hilfe zur Selbsthilfe

In der Kirche riecht es muffig, das Gestühl wirkt wie lange nicht mehr benutzt: Feiner weisser Staub überzieht die Bänke. Auch die Holzpodeste, auf denen sie montiert wurden, sind damit bedeckt. Ratlos schüttelt Angelika Gathow den Kopf. «Das ist kein Staub, das ist Sägemehl unerwünschter Mieter. Der letzte Gottesdienst war erst kürzlich», sagt sie. Mit anderen Gemeindegliedern hat sie schon alles Mögliche gegen die unersättlichen Holzwürmer versucht, Essig- und Reinigungslösungen aufgebracht, gescheuert, zugeschmiert. Gerade hat sie um den Kanzelboden ein Holzschutzmittel verstrichen.

Doch Hoffnung auf längerfristigen Erfolg hat die 56-Jährige nicht. Ganz allmählich perforieren die Plagegeister Bänke, Opferstock, Altar, Gebälk und die Orgel des Hauses. Ausserdem ist trotz einer bereits erfolgten Mauerwerk-Trockenlegung wieder Feuchtigkeit in den Wänden, keiner weiss, woher diese kommt. Und einige der bunten, bleiverglasten Fenster müssen ersetzt werden. Eine Sanierung können die wenigen Kirchgänger selbst mit Buckower Hilfe nicht schultern.

So wie Hasenholz geht es vielen Dörfern in Brandenburg. Die heutigen Herausforderungen wollen angenommen werden: Landflucht, leere Kassen und Säkularisierung. Das Land Brandenburg hat 1400 Kirchengebäude, viele in beklagenswertem Zustand. Die immensen Aufgaben sehend, gründete sich 1990 der Förderkreis FAK. Er ist gemeinnützig, politisch und konfessionell unabhängig und fühlt sich dem kulturellen Erbe verpflichtet. Im Sinne des Denkmalschutzes sollen alte gefährdete Kirchen samt Ausstattung in ihrer ortsbildprägenden Umgebung wiederhergestellt und erhalten werden.

Die Unterstützung wird breiter

In den letzten Jahren gewann der Aspekt der kulturellen Nutzungserweiterung bei den sakralen Bauten zunehmend an Bedeutung. Dadurch sind neben den Kirchengemeinden auch kultur- und kunstinteressierte Einwohner als Unterstützer zu gewinnen. Die Hilfe gilt fast ausschliesslich Brandenburger Dorfkirchen. Der Förderkreis sieht sich als Zündfunke und Mittler, bietet Netzwerke und Know-how für die in den Gemeinden entstehenden Initiativen. Der FAK selbst erfasst und dokumentiert Bauwerke, vermittelt Gutachten über deren Zustand und den kulturhistorischen oder künstlerischen Wert von Gebäuden und Inventar. Er agiert ohne öffentliche Mittel allein durch Spenden und die Beiträge seiner Mitglieder. Ein Grossteil der 450 privaten Mitglieder und 80 Mitgliedervereine kommen aus Berlin.

In die ländlichen Regionen fliessen neben Beratungsleistungen kleine Beihilfen, die die dortigen Vereine als Eigenmittel zur Beantragung von Fördergeldern verwenden können. «So werden manchmal aus 3000 Euro, mit denen man am Bau wenig ausrichten kann, 30 000 oder mehr», sagt Bernd Janowski, Geschäftsführer des Förderkreises, erfreut. In seinem fast 20-jährigen Bestehen hat der FAK seine Arbeit professionalisiert. Inzwischen gibt er ein fundiertes Infoblatt heraus, in dem regelmässig gefährdete Bauwerke vorgestellt werden und über der Stand der Arbeiten an anderen berichtet wird. Eine ausgewählte «Kirche des Monats» wird einschliesslich Historie, Bauzustand und derzeitiger Nutzung beleuchtet.

Die Kulturstiftung des Bundes attestiert dem Förderkreis, äusserst effektiv das bürgerschaftliche Engagement an der Basis zu fördern. Bis heute sind im Märkischen Land über 230 regionale Vereine entstanden, die sich um ihre Gotteshäuser kümmern. Seit 2002 können sich diese Vereine beim Förderkreis um ein sogenanntes Startkapital bewerben, 2500 Euro, die nach eigenem Ermessen verwendbar sind. An 49 lokale Vereine wurden seitdem insgesamt 112 500 Euro vergeben. Jedes Jahr gibt es mehr Antragsteller für das Startkapital, als bedacht werden können. In diesem Jahr wählte die Jury aus 18 Bewerbungen 5 Vereine aus. Einer davon war der Förderverein Evangelische Dorfkirche zu Hasenholz.

Anpacken statt lamentieren

Schätzt der Förderkreis den Holzwurm in Hasenholz als so dramatisch ein? «Bei der Entscheidung für das Startkapital geht es nicht darum, welche Gemeinde die baufälligste Kirche hat. Die Jury beeindruckte, wie viele Menschen in diesem kleinen Ort durch den Verein in Bewegung gebracht wurden und was sie alles unternehmen, um die Kirche zu erhalten. Das verdient Respekt und Förderung», erklärt Bernd Janowski. In Hasenholz wird schon fleissig an der Mauer des Kirchhofs gearbeitet. Die alten Findlinge müssen neu aufgeschichtet werden. Zugleich wird das Portal verbreitert, damit auch Fahrzeuge mit Hebekran hineinfahren können, wenn auf dem Kirchhof Grabsteine zu setzen sind.

Das Geld für die Arbeiten stammt von der Kirchgemeinde und vom Verein. «Benefizkonzerte, die Beteiligung bei <Musik in Dorfkirchen> und hoffentlich ab nächstem Jahr bei <Musikschulen öffnen Kirchen> ziehen Menschen zu uns, die es hier genauso schön finden wie wir. Und bringen Spenden», sagt Angelika Gathow, der es sichtlich Auftrieb gibt, dass ihre Arbeit auch überregionale Anerkennung findet.

¹ Die Autorin ist freie Journalistin in Berlin.

Neue Zürcher Zeitung vom 13. Oktober 2008

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