KIRCHEN: Den Schlüssel darf nun jeder haben

Dank unermüdlicher Vicheler ist das Gotteshaus gerettet

VICHEL - Die Vicheler konnten kaum glauben, was sich ihnen da am Sonnabend auftat obwohl es doch an diesem Tag mehr denn je um Glauben ging. Der erste Gottesdienst in der eigenen Kirche nach vier Jahren war ein Ereignis, das nicht nur den Durchgangsverkehr an Toren und Treppen zum Erliegen brachte, sondern auch Anblicke zum Augenreiben bot.

Bevor Pfarrer Stephan Scheidacker das erste Gebet sprach, trugen jene, die die Sanierung der Kirche unermüdlich vorangetrieben hatten, Kreuz, Bibel und Kerzen zum Altar vorbei an rund 200 Ruppinern, die stehend die Prozession verfolgten.

Unter den Gottesdienstbesuchern waren auch Neuruppins Bürgermeister Jens-Peter Golde und seine Frau Ilse, die als Jugendliche in der Vicheler Kirche konfirmiert wurde. Ihr Vater war über viele Jahre Kirchenältester im Dorf; als das junge Liebesglück der Tochter offiziell war, durfte Jens-Peter Golde keinen einzigen Weihnachtsgottesdienst mehr schwänzen.

Natürlich war der Gottesdienst nicht der einzige, sondern nur der erste Programmpunkt des Erntedank-, Dorf- und Kirchweihfestes. Drum war auch Peter Masloch, Vichels neuer Ortsbürgermeister, kurz angebunden: "Am 4. Oktober 2008 wollten wir fertig sein. Was soll ich sagen wir haben s geschafft."

Wir, das sind in erster Linie die Mitglieder des Fördervereins, der im Januar 2007 gegründet wurde im wohl wichtigsten Jahr für die Vicheler. Denn einen Monat später stimmte der Gemeindekirchenrat Manker-Temnitztal für die Schwammsanierung des Backsteinbaus von 1867, um ihn vor dem Verfall zu retten. Im Juni wurde das Gotteshaus dann "Dorfkirche des Monats".

Seit 2004 war die Kirche für Besucher gesperrt jetzt ist die Sperrung endlich aufgehoben. "Jedermann kann sich nun den Schlüssel holen, wenn er für eine stille Minute in die Kirche will", versichert Pfarrer Scheidacker. "Offen lassen können wir ja unsere Dorfkirchen leider nicht mehr." Dafür werden nun zu Weihnachten seit langer Zeit wieder die Kerzen brennen.

160 000 Euro haben Vereine und Privatleute dafür in die erste Teilsanierung gesteckt. Gemeinden, die für die Restaurierung ihrer eigenen Kirchen gesammelt hatten, gaben ab, was sie geben konnten. "Eine solche Solidarität aus der Mitte heraus für ein Dorf am Rande der Kirchengemeinde das ist wirklich außergewöhnlich", findet Stephan Scheidacker.

Tatsächlich deutet alles darauf hin, dass der große Kreis der unermüdlichen Unterstützer auch die weitere Sanierung des Kirchenbaus stemmen wird wenngleich das Programm groß ist: So muss unter anderem das Dach wieder mit Schiefer eingedeckt, der Fußboden rekonstruiert und die Fassade saniert werden. Auch im Kirchturm ist einiges zu tun. Die Glocken haben am Sonnabend dennoch kräftig geläutet zum ersten Mal seit vier Jahren. (Von Juliane Felsch)

Märkische Allgemeine vom 06. Oktober 2008

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