LITERATUR: "Krieg und Frieden" fehlt noch

In Bölzke steht seit Samstag eine Bücherzelle

BÖLZKE - "Die spinnen, die Bölzker", mag sich so mancher denken. Denn seit Samstag steht vor der Bölzker Kirche eine olivgrüne Telefonzelle. Aber eigentlich spinnen sie gar nicht: Diese ehemalige Telefon-, ist nämlich eine Bücherzelle. Der Hörer wurde abmontiert, Regale eingesetzt und statt des Telefonbuchs stehen Max Frisch' Tagebücher oder Schindlers Liste in der Zelle. Das Prinzip ist einfach: Jeder der ein Buch lesen will, nimmt es sich. Wenn es so gut ist, dass man es gleich zwei Mal im Monat lesen muss, kann man es behalten. Vielleicht steht dafür im eigenen Bücherregal Tolstois "Krieg und Frieden". Der fehlt nämlich noch.

"Das ist ein Projekt ohne größeren Aufwand, mit dem Ziel, Menschen eine Möglichkeit zum Lesen zu geben. Wichtig ist der kommunikative Faktor. Vielleicht wird die Zelle ja so etwas wie ein Treffpunkt, eine Mittlerstelle", hofft Initiatorin Susanne Gloger vom Förderverein zum Erhalt der Bölzker Kirche. Auf die Idee kam sie, als sie von einem studentischen Projekt gelesen hatte.

Anlässlich der Eröffnung lud der Verein zur sechsten Kirchenradtour ein. In Orten wie Liebenthal oder Christdorf besahen sich die Radler die Kirchen genauer. Zwei von ihnen sind Adelheid und Dieter Lange aus Groß Langerwisch. "Wir haben in der Zeitung von der Tour gelesen und sind hergefahren. Die Bücherzelle halte ich für eine gute Idee. Schön, dass es immer neue Ideen gibt. Ob es sich bewährt, wird sich zeigen." Auch andere Radler halten die Bücherzelle für eine Idee, die den Ort bereichert. Allerdings kamen auch skeptische Stimmen auf: Die Rad-weganbindung nach Bölzke sei miserabel. Bei einem Ort mit 64 Einwohnern könne der Austausch nicht in dem Maße gewährleistet werden. Davon lebt allerdings das Projekt.

Bevor die Radler morgens um zehn zur Tour aufbrachen, sprach der Kemnitzer Pfarrer Marion Friedrich seinen Segen aus und bezog sich dabei auch auf die Restaurierung. Diese nimmt immer konkretere Formen an. "In kleinen Schritten wandern wir zum Ziel, mühsam schaukeln wir uns hoch. Es ist eine Freude zu sehen, wie Menschen mit Herzblut dabei sind", sagte er. Wie viel Herzblut noch nötig sein wird, um ein ganz besonderes Buch für die Bücherzelle zu bekommen, wird sich zeigen. "Als die restaurierte Bölzker Kirche eröffnet wurde", ist nämlich das Wunschbuch von Susanne Gloger. (Von Fritz Habekuß)

Märkische Allgemeine vom 23. Juni 2008

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