KIRCHEN: Ein großes Gotteshaus für eine kleine Gemeinde

Warum der Kirchturm in Dranse immer wieder im Mittelpunkt des Interesses stand und ein wenig seine eigene Geschichte schrieb

DRANSE - Es ist schon lange her, dass die Kirche von Dranse nicht mehr genutzt wird. Nebenan im Pfarrgarten wurde in den 50-er Jahren der alte Kuhstall ausgebaut. Der biete ausreichend Platz für die wenigen Gottesdienstbesucher. Die Kirche ist zwar nicht gesperrt, aber die wenigen Veranstaltungen der letzten Jahre lassen sich an einer Hand abzählen. Nach der Wende waren es neben einigen wenigen Proben des Kirchenchores nur die Verabschiedung von Pfarrer Hans-Joachim Zibell aus dem aktiven Kirchendienst, eine Hochzeit und eine Taufe. "Wenn man ehrlich ist, ist diese Kirche viel zu groß für so ein kleines Dorf", gesteht der Pfarrer im Ruhestand ein.

Das Datum, an dem die Probleme mit der Kirche anfingen, kann man auf den Tag genau angeben. Es war der 2.Mai 1945. Zwei Panzergranaten, abgefeuert von einmarschierenden Soldaten der Roten Armee, trafen die Kirche. Ein Geschoss traf den Turm, das andere schlug an einem Fenster ein. Diese Schäden konnten erst Jahre später repariert werden. Da war aber schon die Feuchtigkeit ins Kircheninnere vorgedrungen und hatte den Putz angegriffen. Außerdem konnten Vögel durchs kaputte Fenster eindringen und in der Kirche umher flattern.

Die Fenster so schön sie sich auch heute von außen präsentieren sind ohnehin nicht ganz unproblematisch. Ein einfaches Ausbessern des Kriegsschadens war nicht so einfach möglich, weil sie erst auf einer Höhe von drei Metern ansetzen und über fünf Meter hoch sind. Es war also immer ziemlich aufwändig, an diese Fenster heranzukommen. In der ersten Hälfte der 1990-er Jahre wurden neue Fenster eingebaut. "Wir wollten zuerst auch Gitter vor die Fenster setzen lassen" erzählt Zibell. Aber die Befürchtungen, dass sich eine unausgelastete Dorfjugend mit Steinen oder Fußbällen an der Bleiverglasung zu schaffen macht, bestätigte sich nicht.

Das mag vielleicht daran liegen, dass Zibell der Neugier der jungen Leute, durch die Kirche zu strolchen, immer nachgegeben hat. "Die Kinder glaubten immer, unterm Altar beginnt ein Tunnel, der bis zum Kloster führte." Dieses Kloster befand sich einst hinter dem Dranser See bei Griebsee. Es wurde aber von den Mönchen schon vor dem Dreißigjährigen Krieg aufgegeben. "Das ist eben die Phantasie von Kindern", lächelt der Pfarrer milde. Einmal musste er aber durchgreifen. Er hatte den Kindern erlaubt, in die Kirche zu gehen aber eines der Mädchen gemahnt: "Dein Hund bleibt draußen." Als er kurz darauf feststellte, dass der Hund nicht mehr draußen vor der Tür saß, musste er der Rasselbande Einhalt gebieten. Natürlich erinnert sich Zibell noch an den Namen des Mädchens. "Sie wird sich daran erinnern, wenn sie es liest", ist er sich sicher. Inzwischen gibt es kaum noch Nachwuchs im Dorf. Als es noch mehr junge Leute gab, hatte er hinterm Gemeinderaum im Pfarrgarten noch einen Raum, den die jungen Leute nutzen konnten. Da steht immer noch eine Tischtennisplatte drin.

Die Kinder waren auch immer scharf darauf, den Blasebalg der Orgel zu betätigen. Daran erinnert sich sogar Helmut Lehmann noch, der im Herbst sein 80. Lebensjahr vollendet. "Klar", sagt er. "Wir haben uns sogar verewigt. Ein mit Bleistift auf die Rückseite der Orgel gemaltes "H.L." stammt von seinem Bruder Heinz, das "H.L." darunter ist von ihm selbst. Die Orgel eine Lüttkemüller-Orgel wurde erst 1890 eingebaut, also erst einige Jahrzehnte, nachdem die Kirche gebaut worden war. Einige Töne lassen sich ihr noch entlocken. Aber bespielbar ist sie nicht mehr. Eine Reparatur kann sich die Kirchengemeinde nicht leisten. Zum Verkauf kann sich der Gemeindekirchenrat aber auch nicht entschließen. Ein Interessent hatte 8000 Euro geboten, aber trotz der Geldnot will man sich nicht von ihr trennen. Für diese kleine Lüttkemüller-Orgel war auch mal im Gespräch, dass sie in die Wittstocker St.-Marien-Kirche kommt, aber auch dieser Gedanke wurde irgendwann nicht mehr weiter verfolgt. In den 60-er Jahren bekam die Kirchengemeinde noch einen Elektro-Motor für die Orgel, danach brauchte der Organist keine Jungs mehr, die den Blasebalg betätigten. Ab und zu fanden nämlich immer noch Gottesdienste statt. Diesen Motor hatte die Partnergemeinde Jestetten, gelegen an der Deutsch-Schweizerischen Grenze, den Dransern gesponsert.

Wenn man weiter hinauf in den Turm steigt, kommt man zu den drei Glocken. Alle drei wurden bis 1996 per Hand betätigt. Seither gibt es eine elektronische Steuerung, die vom Gemeinderaum aus betätigt werden kann. In beiden Weltkriegen mussten die Dranser je zwei Bronzeglocken hergeben. Nach dem letzten Krieg etwa Anfang der 60-er Jahre wurden die fehlenden Glocken ersetzt, allerdings durch Stahlglocken. Helmut Lehmann und Richard Legardi können sich noch lebhaft an diese Aktion erinnern. Durch die enge Wendeltreppe, die auf die Orgelempore führt, und weiter durchs schmale Treppenhaus im Turm passten die Glocken nicht. Die Stahlglocken mussten auch deutlich größer als die früheren Bronzeglocken sein, sie haben aber den selben Ton wie die alten. Jedenfalls mussten Flaschenzüge am Turm angebracht und in luftiger Höhe das Mauerwerk an den Schalllöchern ausgestemmt werden, damit die Glocken hinaufgezogen werden konnten. Helmut Lehmann war dabei, als extra wegen der neuen Glocken das Gebälk des Glockenstuhls verstärkt wurde.

Ohnehin schreibt der Dranser Kirchturm schon ohne die Kirche genug Geschichte. Ende der 50-er, Anfang der 60-er Jahre hat der Blitz dort eingeschlagen. Der Rauch war kaum zu sehen, nur wenig Qualm drang durch die Schieferplatten des Turms nach außen. Nur gut, dass jemand den Brand bemerkt hatte. "Wo die Balken zusammentreffen, war schon ein Glutnest", erzählt Helmut Lehmann. Er war es, der damals mit einem Feuerlöscher bis ganz nach oben in den Turm kletterte und schließlich schlimmeres verhindert hat. Nicht auszudenken, wenn der Turm ausgebrannt und vielleicht noch aufs Kirchendach gestürzt wäre.

Da der Turm mit 36 Metern sehr hoch ist, wurde er jahrelang auch von Beobachtungsposten genutzt einerseits als Feuerwachturm, andererseits von den Soldaten der Roten Armee. Denn bis zum Schießplatz ist es nicht mehr weit.

Dass die Dorfkirche mit 147 Jahren noch nicht sehr alt ist, hat ebenfalls etwas mit dem Kirchturm zu tun mit dem des Vorgängerbaus, einer Fachwerkkirche. Aus Erzählungen ist überliefert, dass diese schon so alt war, dass der nebenstehende Turm beim Läuten der Glocken gewackelt hat. Das war den Dransern viel zu gefährlich. Da hatte der Patron der Kirche, der König, ein Einsehen und gab den Dransern das Geld für eine neue Kirche. "Die Bauern haben damals die Steine mit Pferdefuhrwerken aus einer Wittstocker Ziegelei geholt", berichtet Pfarrer i.R. Zibell von dem, was er darüber in Erfahrung gebracht hat.

Vielleicht sagten sich die Dranser damals: "Nicht kleckern, sondern klotzen", und so bauten sie sich nicht nur ein sehr schönes Gotteshaus, sondern es geriet auch ziemlich groß. 300 Sitzplätze bieten die 30 Bankreihen im Kirchenschiff. Und auf den Bänken auf der Orgelempore würden sicher nochmal 20 bis 30 Leute Platz finden. Aber so viele Leute kommen schon lange nicht mehr zu den Gottesdiensten.

Obwohl es jetzt also die Ersatzlösung mit dem Gemeinderaum gibt, haben sich die Dranser doch immer darum bemüht, dass die Kirche wetterfest ist. "Für die nächsten 50 Jahre ist sie stabil", glaubt Zibell.

Die erste Dachreparatur erfolgte bereits in den 50-er Jahren. Damals wurde auch der 36 Meter hohe Turm eingerüstet und die Kugel mit neuem Inhalt versehen. Da die Dokumente und Münzen aber nicht in eine Kartusche gelegt wurden, war bei der erneuten Sanierung in den Jahren 2000 und 2001 alles verrottet. Inzwischen lagern wieder Zeitungen, Dokumente und Münzen in der Kugel.

Nach der Wende wurden um die 200 000 Euro in den Erhalt der Kirche investiert. Großzügige private Zuwendungen gab es ebenso wie Fördermittel. Solange Dranse noch eine eigenständige Gemeinde war, gab es auch Zuwendungen durch die politische Gemeinde, denn immerhin ist das Gebäude Wahrzeichen für den Ort.

Für die Innensanierung gibt es bereits restauratorische Voruntersuchungen. Aber wann damit begonnen werden kann, ist nicht klar. Für kulturelle Veranstaltungen wird sie nicht gebraucht, findet Zibell. Die wenigen Leute, die kommen würden, würden sich in den 30 Sitzreihen verlieren. "Von der Kanzel aus kann man die Leute in den hinteren Reihen nicht mal erkennen", sagt er. Immerhin proben die 17 Sänger des Kirchenchores, den es nun auch schon fast 20 Jahre gibt, in den Sommermonaten manchmal in der Kirche. "Die hat so eine wunderbare Akustik", sagt Helmut Lehmann. "Und die Leute freuen sich, wenn sie hier sein können." (Von Uta Köhn)

Märkische Allgemeine vom 21. Juni 2008

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