DENKMALSCHUTZ: Gnewikows Kirche ist viel älter

Zum Auftakt der Aktion "Offene Kirchen" gab Architekt Hagen Schmaler einen Einblick in seine Baugutachten

GNEWIKOW - Eine kleine Sensation erwartete gestern die Besucher der Auftaktveranstaltung in der Gnewikower Kirche. Referent Hagen Schmaler ließ aber erst zum Schluss seines Vortrages die Katze aus dem Sack. Denn die Prospekte und Geschichtsbücher zu Gnewikow müssen umgeschrieben werden: Die Kirche stammt nicht aus dem 16. Jahrhundert. Vielmehr wurde 1473 mit dem Kirchenschiff begonnen, 1509 erfolgte die Vollendung des Westteils. Der Glockenturm wurde 1516 fertig gestellt, so Hagen Schmaler.

Der Förderverein unter Leitung von Siglinde Siebmann hatte den Architekten eingeladen. Für die Abschlussarbeit in seinem Aufbaustudium zur Bauerhaltung hat Schmaler den Zustand des Gebäudes analysiert und dokumentiert. Im Oktober 2005 betrat er zum ersten Mal die kleine Kirche. "Der Zustand war so wie jetzt", erzählt der junge Mann. "Der Fußboden grün, die Farbe abgeblättert."

Von 2006 bis 2007 hat Schmaler jeden Winkel der Kirche untersucht. Für seine Abschlussarbeit musste er erst einmal die gesamte Kirche nach Genauigkeitsstufe drei vermessen. Um auch die Unebenheiten der wellenartigen Wände genau zu erfassen, verwendete er ein Messnetz: Von einer Hauptmessachse, die längs durch den Raum verlief, nahm er im rechten Winkel Stichmaße zur Wand ab. Genauso verfuhr er auch im Dachgeschoss und im Glockenturm. "Der Glockenturm hat mich zur Verzweiflung gebracht", erzählt Hagen Schmaler. "Durch die großen Glockenkräfte hat sich der Turm auch noch verdreht. Das genau zu erfassen, hat mir manche schlaflose Nacht gebracht." Vater und Bruder halfen beim Aufmessen, das mehrere Wochen in Anspruch nahm.

Um alle Schäden genau in Augenschein nehmen zu können, musste der Architekt erst einmal den Schutt beseitigen, der die Mauerkronen bedeckte. Zwei bis drei Wochen beförderte er in kleinen Kunststoffeimern den Jahrhunderte alten Schutt ans Tageslicht. Jeder Schaden an der Bausubstanz wurde dann genau dokumentiert. In den Karten, die er mit Hilfe des Computers erstellte, ist der Grad der Schädigung farblich hervorgehoben: weiß, gelb, rot und blau. Blaue Teile sind unwiederbringlich zerstört und nicht mehr tragfähig.

Das größte Problem für die kleine Kirche ist die Feuchtigkeit. "Wenn es regnet, plätschert das Wasser an der Wand herunter und fließt in die Kirche hinein", sagt der Architekt, der den Wasserverlauf an Regentagen genau beobachtet hat.

Da in früheren Zeiten rings um die Kirche herum bestattet wurde, ist das Niveau im Verhältnis zum Kirchenfußboden angestiegen, so dass das Wasser in die Kirche läuft. Dachrinnen könnten den Wasserzulauf mindern, damit ist aber die Denkmalbehörde nicht einverstanden. Für eine Abtragung des Bodens müssten erst einmal Schürfgruben angelegt werden, um zu sehen wo Begräbnisstätten vorhanden sind. Da das Gebäude der Kirche, das Land aber der Stadt Neuruppin gehört, muss der Förderkreis noch viele behördliche Hürden überwinden.

Hagen Schmaler ermuntert die Gnewikower am Schluss seines Vortrages, die Initiative zu ergreifen und das Kleinod in ihrer Ortsmitte zu retten. (Von Cornelia Felsch)

Märkische Allgemeine vom 26. Mai 2008

   Zur Artikelübersicht