Besser als in Babel

Anspornendes Richtfest am Mellnsdorfer Kirchturm

H.-DIETER KUNZE

MELLNSDORF Pfarrerin Ute Grützke traf den Nagel auf den Kopf. Und zwar so oft, bis der 23 Zentimeter lange Metallstift im neuen Dachbalken der Mellnsdorfer Kirche versenkt war. "Das war das erste Richtfest in meinem Leben", sagte sie nach dem traditionellen symbolischen Akt.

Mehr als 100 Gäste waren zum Richtfest für den Kirchturm am Sonnabendnachmittag im nur 80 Einwohner zählenden Mellnsdorf erschienen; darunter Landrat Peer Giesecke und der Superintendent des Kirchenkreises Wittenberg Christian Beuchel.

Der Förderverein Dorfkirche Mellnsdorf hatte Bauunternehmen, Sponsoren und Förderer des Vorhabens zur Feier eingeladen. Den Auftakt bildete der Richtspruch von Zimmermeister Andreas Werner aus Gadegast: "Das schwere Werk, es ist gelungen." Die Scherben des zerschellenden Sektglases sollten Glück bei der weiteren Kirchenrekonstruktion bringen.

Ute Grützke hielt anschließend die Andacht zum Richtfest. Gemeinsam mit den Kindern der Christenlehre hatte sie zudem das Singspiel "Ich träume von einem hohen Turm" einstudiert. Darin wurde Bezug auf die biblische Geschichte vom Turmbau zu Babel genommen, worin Größenwahn und Überheblichkeit der Bauleute Gott so sehr erzürnten, dass er alle in unterschiedliche Sprachen sprechen ließ. Der Turm hatte sie entzweit. Doch Türme könnten Menschen auch verbinden, spannte die Pfarrerin den Bogen nach Mellnsdorf. Nur wenn alle an einem Strang ziehen, würden solche Vorhaben gelingen.

Landrat Peer Giesecke lobte besonders das federführende Engagement des Förderkreises bei der Umsetzung des Vorhabens. Mellnsdorf sei jetzt wieder näher in den Blick gerückt, sagte er. Den Turm könne man schon von Seehausen und Blönsdorf aus gut erkennen. Zudem stellte er für die nächsten Bauphasen erneut finanzielle Unterstützung durch den Landkreis in Aussicht. Fördervereinsvorsitzender Willi Höhne registrierte es wohlwollend: "Wir werden darauf zurückkommen."

Superintendent Christian Beuchel wiederum gestand, dass sein Kirchenkreis allein das Mellnsdorfer Vorhaben niemals hätte finanzieren können. "In diesem Falle aber kam die Initiative von unten, sodass wir wenigstens mit 16 000 Euro helfen konnten", sagte er. Das Mellnsdorfer Gotteshaus ist eines von insgesamt 160 Kapellen und Kirchen im Kirchenkreis Wittenberg. Dessen Einzugsbereich erstreckt sich über fünf Landkreise in drei Bundesländern.

Der Förderkreis trotzte nicht nur dem von Nieselregen durchzogenen Herbstwind an diesem Tag, sondern will auch nach dem Ende des Turmbaus offenbar nicht an Elan verlieren. Einmal in Fahrt gekommen, soll es in Mellnsdorf nahtlos weitergehen. In dieser Woche wird mit der Dacheindeckung begonnen, im nächsten Jahr soll der Innenausbau erfolgen. Die Finanzierung sei zwar schwierig, aber nicht aussichtslos, zeigte sich Vorsitzender Willi Höhne optimistisch.

Märkische Allgemeine vom 29. Oktober 2007

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