Die elektronische Revolution in den Kirchen

Von Cornelia Hendrich

Biesdorf - Orgel 

Biesdorf (GMD) Eine digitale Orgel stellte am Sonntag in Biesdorf Thomas Hammer vor. Der junge Berliner Organist meint, das sei die einzige finanzierbare Möglichkeit, Orgelmusik in kleine Kirchen zu bringen. Das sieht der Förderverein der Biesdorfer Kirche jedoch ganz anders.

Stolze 25 000 bis 55 000 Euro kostet die Restaurierung der alten Orgel in der kleinen Biesdorfer Kirche. Viel Geld, vor allem für eine Gemeinde, in der höchstens fünfzehn Mal im Jahr ein Gottesdienst stattfindet. "Und bei diesen Kosten bleibt es ja nicht", sagt Thomas Hammer. "Hinzu kommen bei einer alten Orgel auch die immensen Wartungskosten. Sie verstimmt sich bei Kälte schnell."

So kam dem jungen Berliner Organisten die Idee, seiner alten Heimatgemeinde in Biesdorf eine digitale Orgel vorzustellen. "Ich hörte, dass für die Restaurierung der Orgel gesammelt wird. Dabei hat die Gemeinde - wie viele andere - noch nicht einmal das Geld, um einen Orgelspieler zu bezahlen." Obwohl der Organist nur 38 Euro pro Gottesdienst kostet. "Da muss man sich fragen, ob es wirklich Sinn hat, die alte Orgel wieder aufzubauen", so Thomas Hammer. "Ich wollte einfach eine Alternative dazu aufzeigen."

Die digitale Orgel, auf der er am Sonntag Werke von Frescobaldi, Bach und Brahms spielte, hat er für 300 Euro in der Woche gemietet. Listenpreis etwa 13 000 Euro. Eine deutlich preiswertere Alternative und mit mehr Möglichkeiten. Während die historische Orgel in Biesdorf lediglich vier bis sechs Klangfarben spielen kann, sind es auf der digitalen 31. "Das heißt, mit der alten Orgel kann man zum Beispiel große Bach-Stücke oder Schübler-Choräle gar nicht spielen", so Hammer.

Der Klang der digitalen Orgeln sei den originalen sehr ähnlich. "Das sind absolute Feinheiten, da muss man den Klang der alten Orgel wirklich sehr genau kennen", so der Organist. Der 34-Jährige ist vom Fach und weiß, wovon er spricht. Er studierte an der Universität der Künste in Berlin Kirchenmusik, hat eine eigene Musikproduktionsfirma für klassische Musik, einen eigenen Chor und spielt als Organist in vielen Berliner Kirchen, darunter auch in der Gedächtniskirche. Die Biesdorfer Kirche liegt ihm am Herzen, weil seine Großeltern hier wohnen und er in Lüdersdorf aufgewachsen ist. "Die technische Entwicklung der Orgeln wird immer besser", erzählt er. "Selbst der Druckpunkt, den man als Spieler spürt, wenn sich die Ventile der Pfeifen öffnen, ist in vielen digitalen Orgeln schon nachgeahmt." Der 34-Jährige hat noch eine andere Idee - eine alte Orgel aus einer Kirche zu kaufen, die geschlossen werden musste. Diese Orgeln gebe es zum Teil zum Schnäppchenpreis. "Der Markt dafür ist riesig", sagt er. So steht etwa in Kreuzberg eine Orgel aus einer Amsterdamer Kirche. Die Sanierung der alten Kreuzberger Orgel hätte 600 000 Euro gekostet, das riesige Instrument aus den Niederlanden hingegen nur 120 000 Euro.

Ursula Meister ist nicht begeistert von Thomas Hammers Ideen. Die 65-Jährige ist Vorsitzende des Fördervereins der Biesdorfer Kirche, sie sagt: "Die digitale Orgel ist faszinierend. Aber unsere Orgel ist ein ganz kostbares Stück. Es ist die einzig erhaltene vom Bad Freienwalder Orgelbauer Mikley. Sie stammt aus dem Jahr 1864." Der Förderverein hat die Biesdorfer Kirche für gut 250 000 Euro in den letzten Jahren sanieren können. Gerade auch mit viel Eigenleistung der Biesdorfer. "Diese Orgel ist für unsere Kirche gebaut. Sie ist eigentlich die Seele der Kirche. Und diese wollen wir wieder zum Klingen bringen", sagt sie.

Auch Thomas Hammer gibt zu: "Eine echte Orgel ist natürlich durch nichts zu ersetzen. In der Philharmonie wird auch nicht auf einem Digital-Piano gespielt - da muss ein Steinway her." Einer der teuersten echten Flügel weltweit.

Märkische Oderzeitung vom 15. Oktober 2007

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