Eine Orgel für die Angerkirche

Verein übernimmt das Bauwerk / Tauziehen mit Kirche um die Nutzung

RAINER SCHÜLER

BABELSBERG In der Babelsberger Angerkirche wird es keine kirchlichen Trauungen, Taufen oder Bestattungsfeiern geben. Immerhin erlaubt die unterschriftsreife Nutzungsvereinbarung zwischen dem Wiederaufbauverein und der Evangelischen Kirche aber "besondere Gottesdienste". Generalsuperintendent Hans-Ulrich Schulz bescheinigte dem Projekt am Samstag beim Festakt zur offiziellen Übergabe an den Verein eine "spezielle Schwierigkeit" der Nutzungsfestlegung. Das Vertragswerk habe die Kirchenjuristen schwer beschäftigt, sagte er. Das Standesamt werde "immer die gefühlte Temperatur einer Kirche" haben. Doch die rekonstruierte Alte Neuendorfer Kirche ist keine Kirche. Sie ist Hochzeitsstätte des Standesamtes.

Aufeinander zuzugehen in Gottvertrauen das wünscht sich Vereinschef Andreas Kitschke. Er selbst sprach sich für Gottesdienste auch außerhalb der Weihnachtszeit aus. Es müsse Veranstaltungen geben, die der Würde des Ortes angemessen seien, sagte er. Seit 1899 wird der Ort nicht mehr als Kirche genutzt.

Zusammen mit Kindern hat der Babelsberger Sanitärbauer Thomas Wieck das neue Leben der Alten Neuendorfer Kirche eingeläutet; der 40-Jährige hatte die Glocke aus den Geschenken zu seinem runden Geburtstag bezahlt. "Zur Freude aller" steht darauf, und die stand auf den Gesichtern der 500 geladenen Unterstützer des Aufbauprojektes.

Mit dem Einbau der Gästeempore ist laut Kitschke zwar das meiste getan, aber nicht alles. Demnächst wird auf dem Dach des benachbarten Gebäudes der Stadtentsorgung eine Solaranlage installiert, die die Kirche mit Öko-Strom versorgt.

Eine Orgel soll noch her. Als Übergangslösung will ein Privatmann aus der Nähe Brandenburgs dem Verein eine kleinere Orgel schenken, die auf der Empore errichtet werden soll. Doch der Verein hat Größeres vor. Er griff Vorabsprachen seiner langjährigen Vorsitzenden und im Januar 2005 verstorbenen Pastorin Gisela Opitz mit der Orgelbaufirma Schuke auf und will jetzt ein 50 000 Euro teures Instrument kaufen. Als zweiflügelige Konstruktion soll sie laut Baudenkmalpfleger Roland Schulze links und rechts neben der Kanzel hängen und von der Empore gegenüber gespielt werden. Auch die Wiedergabe von Orgelklassikern soll direkt auf dem Instrument möglich sein.

In der proppevollen Kirche lösten sich Kitschke, Ministerpräsident Matthias Platzeck, Generalsuperintendent Schulz und Oberbürgermeister Jann Jakobs als Redner ab. Platzeck würdigte die Kirche als Zeichen des Miteinanders. Für die Beteiligten, etwa die beiden pensionierten Maurermeister, die das komplizierte Kreuzgewölbe bauten, sei die Arbeit eine Mission gewesen.

136 Firmen und rund 1000 Privatpersonen haben sich als Bauausführende und Käufer von Gewölbesternen, Stühlen und Fenstern an dem Projekt beteiligt. Die "unsichtbare" Tür neben der Kanzel war ein Gesellenstück, die Kanzel und die gerade zur Zeremonie fertige östliche Eingangstür sowie das oberste Kirchenkreuz waren Meisterstücke. Erstmals wurde gestern ein Dokumentarfilm des Filmbüros Potsdam zum Wiederaufbau gezeigt. Firmenchef Wolfgang Dümcke spannt darin einen Bogen von der Bauzeit 1850 zur ersten Trauung nach 100 Jahren Pause am 7. Juli 2007.

Märkische Allgemeine vom 10. September 2007

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