Eine dramatische Geschichte wird wiederbelebt

Der Förderverein der Kirche Kehrberg plant ein Projekt rund um den Wunderknaben

BERND ATZENROTH

 Kirche Kehrberg
 
Kirche Kehrberg

KEHRBERG Die Geschichte ist kaum zu glauben, und nur wenige kennen sie noch. Doch nun soll das Schicksal des 1731 geborenen Kehrberges Johann Ludwig Hohenstein, der als Wunderheiler galt und dafür letztlich einen hohen Preis bezahlte, in seinem Heimatort Kehrberg (Gemeinde Groß Pankow) wieder bekannt gemacht werden. Der Förderverein der Kehrberger Kirche hat sich dafür mit dem Kulturring Prignitz zusammengetan. Am Freitagabend wurde das Projekt "Der Wunderknabe zu Kehrberg" in der Kirche bei einer Mitgliederversammlung des Fördervereins vorgestellt und diskutiert.

Geplant ist, im kommenden Jahr auf dem Sommerfest der Kehrberger Kirche eine szenische Lesung und ein szenisches Spiel auf der Grundlage historischer Dokumente und bisheriger Forschungsergebnisse miteinander zu verbinden, und dies natürlich in historischen Kostümen. Das geht so weit, wie Irina Wilhelm den Anwesenden erklärte, dass auch die Verkaufsstände die Optik des 18. Jahrhunderts tragen sollen und dazu Barockmusik geboten wird. Spiele und andere Belustigungen sollen den Geist des Barocks wieder beleben und zum Mitmachen einladen.

Außerdem ist geplant, begleitend eine ständige Ausstellung über das Leben Johann Ludwig Hohensteins einzurichten und diese mit historischen Abbildungen und weiteren Dokumenten zu versehen. Diese Ausstellung soll immer zu besichtigen sein. Man will Schüler, Studenten und Senioren nicht nur aus der Prignitz, sondern auch aus Berlin ansprechen und ihnen eine Besichtigung der Ausstellung mit anschließender Aufführung des Spiels anbieten. Die Bürger können sich bereits beim diesjährigen Sommerfest am Samstag, 25. August, über das Projekt "Wunderknabe", das dann ein Jahr später Realität sein soll, informieren. Mit der Umsetzung des Projekts wird allerdings erst begonnen, wenn klar ist, ob die bei einem Potsdamer Kulturverein beantragte Förderung auch bewilligt ist.

"Wir haben hier diese Geschichte vor Ort, aber bisher nie etwas draus gemacht", meinte Volker Schulz, der für den Verein die Öffentlichkeitsarbeit leistet. Das soll sich nun also ändern. Die Geschichte, die auf das 18. Jahrhundert zurückgeht, wird folgendermaßen erzählt: Der "Wunderknabe" soll schon im zarten Alter von ein bis drei Jahren ein Heiler gewesen sein. An die 30 000 Menschen pilgerten binnen kürzester Zeit in das kleine Dorf Kehrberg, um sich von Krankheiten heilen zu lassen. Sie kamen aus ganz Deutschland und wohl auch aus dem Ausland dorthin. Selbst holländische Juden zog es hierher, hielten sie den kleinen Johann Ludwig Hohenstein doch für den neuen Messias.

Schließlich bereitete die Prignitzer Ärzteschaft dem Treiben ein jähes Ende, die offenbar den Konkurrenten loswerden wollte. Sie hinterbrachte die Geschichte dem König, was schließlich den Jungen, möglicherweise aber auch seine ganze Familie, ins Gefängnis brachte. Noch nicht geklärt ist, ob der Knabe diese Zeit überlebte oder später in ein Hospiz verlegt wurde.

Gerhard Altendorf, Pfarrer im Ruhestand und Fördervereinsvorsitzender, meinte, dass sich auch die Kirche bei dieser "dramatischen und furchtbaren Geschichte" nicht mit Ruhm bekleckert habe. Insbesondere Irina Wilhelm hat sich mit dem Stoff beschäftigt: "Wenn man erst einmal anfängt zu lesen, wird es richtig spannend", sagte sie. Und dabei steht in den schon recht umfänglichen Unterlagen der Projektkonzeption "noch gar nicht alles drin", wie der Vereinssprecher Volker Schulz anmerkte.

Auch Menschen, die sich mit dem Schicksal Hohensteins beschäftigt haben, sollen einbezogen werden, wie zum Beispiel der frühere Kehrberger Pfarrer Heinz Nitschke oder der Defa-Filmregisseur Rainer Simon, der zu DDR-Zeiten schon einmal die Absicht hatte, das Leben des Wunderknaben zu dokumentieren.

Schulz ergänzte auch auf Nachfrage, dass das Stück in der Region bleiben solle: "Wir wollen nicht damit durch die Gegend ziehen." Er warnte zudem vor zu hohen Erwartungen: "Das ist eine Sache, die nicht von heute auf morgen geht." Allerdings sieht er die Chance, dass der Förderverein etwas für die ganze Prignitz tun könne. Angedacht ist auch die Kooperation mit anderen Fördervereinen.

Natürlich möchte der Förderverein auch, dass mit dieser Aktion etwas für die weitere Restaurierung der kleinen Dorfkirche getan werden kann. Dafür bedarf es eines langen Atems, wie man gemeinsam feststellte. In diesem Jahr ist noch eine Reihe von Maßnahmen geplant: die Freilegung der Dachtraufen sowie der Außenmauern der Kirche, die Reparatur der Holztreppe zur Glocke und die Reinigung des Turms, die Bearbeitung des Fachwerks des Turmes, die Verkleidung der Turmdecke, das Absaugen des Dachbodens, das Einsetzen von Lamellentüren im Turm sowie das Anbringen einer Namenstafel für die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges. Das Turmzimmer soll zu Ausstelungszwecken, kleinen musikalischen Aufführungen und Vorlesungen genutzt werden.

Doch in Sachen Dach steht zunächst ein Holzgutachten an. Dies ist notwendig, um weitere Fördermittel für bauliche Maßnahmen beantragen zu können. Laut Volker Schulz kostet ein solches Gutachten 2585 Euro; es ist beantragt, dass über den Fördertopf "Alte Kirchen" die Hälfte davon beglichen wird. Die anderen 50 Prozent muss der Verein selbst aufbringen womit die Hälfte der 2600 Euro an eingenommenen Spenden schon wieder aufgebraucht wäre.

Schulz warnte auch vor der Erwartung, dass sich allein mit Gründung eines solchen Vereins alle Dinge sofort regeln lassen. Ebenso zeige aber das Beispiel Alt Krüssow, dass mitunter mehr möglich sei, als es zunächst scheinen möge. Altendorf ergänzte: "Das Ganze ist eine endlose Prozedur, bei der man auch Glück haben muss."

Auf einen modernen Wunderheiler wird der Förderverein wohl nicht hoffen können, sondern eher auf das Engagement seiner Mitglieder wie dem von Reinhard Wilhelm, der im Eingangsbereich gemalert und den Spruch an der Wand rechts vom Eingang restauriert hat. Neben dem Sommerfest am 25. August gibt es in diesem Jahr noch drei weitere Veranstaltungen: das Martinsfest am 11. November, das Drachenfest am 27. Oktober sowie das Weihnachtsbasteln mit musikalischer Umrahmung am 15. Dezember.

Märkische Allgemeine vom 16. Juli 2007

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