Die gläserne Bilderbibel von St. Marien

Kirche in Frankfurt (Oder) könnte Ort für "Beutekunst"-Museum werden / Sechs Scheiben sind noch immer in Russland

JEANETTE BEDERKE

Auf einem Festakt erbat Bischof Wolfgang Huber Gottes Segen für die Kunstwerke 
Auf einem Festakt erbat Bischof Wolfgang Huber Gottes Segen für die Kunstwerke.
Foto: Ronny Heim

FRANKFURT (ODER) Hans N. Weiler war bereits als Rektor der Frankfurter Europa-Universität "Viadrina" für seine klaren Worte bekannt. Anlässlich der festlichen Wieder-Einweihung der drei mittelalterlichen Frankfurter Marien-Kirchfenster überraschte er gestern die rund 700 Gäste dennoch. Der in den vergangenen 25 Jahren restaurierte Sakralbau, größte Hallenkirche norddeutscher Backsteingotik, könnte Mittelpunkt eines Beutekunst-Museums werden, lautet der Vorschlag des Frankfurter Ehrenbürgers.

Weiler griff eine Idee des Schriftstellers Günter Grass auf, der vor einigen Jahren an der Frankfurter Universität zu Gast war. So wie der Künstler Grass versteht auch der Wissenschaftler Weiler das "Beutekunst"-Museum als einen grenzübergreifenden Komplex mit Einrichtungen in Frankfurt und dem polnischen Slubice sowie der Marienkirche als Zentrum. Der Ort wäre mit der Marienkirche tatsächlich gut gewählt, stehen die vor fünf Jahren aus Russland an die Oder zurückgekehrten Fenster doch deutschlandweit für die bislang einzige geglückte Rückführung russischer Beutekunst.

Aus Angst vor Kriegszerstörung war die gläserne Bilderbibel 1941 aus der Frankfurter Marienkirche ausgebaut und im Potsdamer Neuen Palais versteckt worden. Dort entdeckten russische Kulturoffiziere 1946 die in ihre Einzelscheiben zerlegten Chorfenster und nahmen sie als Beutegut mit. Einzeln verpackt lagerten 111 Mosaikscheiben über Jahre in der St. Petersburger Eremitage, bevor sie nach zähen Verhandlungen zurückgebracht und restauriert wurden. Mehr als eine Million Euro hat die Schönheitskur gekostet, knapp 300 000 Euro stammen aus Spenden.

Das Thema "Beutekunst" wird die Frankfurter auch weiter beschäftigen. Aufmerksame Betrachter, die am Tag der Fenster-Wiedereinweihung zu Hunderten in den Chorraum des um 1250 erbauten Gotteshauses strömten, bemerkten, dass die mittelalterlichen Malereien nicht komplett sind. Während die 111 Felder in den drei Fenstern durch ihre Farben, sind sechs Scheiben im sogenannten Schöpfungsfenster nur in Schwarz-Weiß gehalten. "Dort haben wir historische Fotos der Motive auf Folie gedruckt und auf eine Glasscheibe geklebt", erklärte Restauratorin Sandra Meinung. Denn die Originale lagern bis heute im Moskauer Puschkin-Museum. Die 35-jährige Restauratorin empfindet nach Abschluss der Arbeiten keinen "Trennungsschmerz". "Wir hoffen ja alle, dass die fehlenden Felder möglichst bald in die Frankfurter Marienkirche zurückkehren", spricht sie vielen in der Stadt aus der Seele. Die Werkstatt im Kirchen-Märtyrer-Chor bleibt bestehen, Sandra Meinung soll auch die sechs "Nachzügler" dort restaurieren.

Doch die Angelegenheit scheint kompliziert zu sein. Russische Repräsentanten haben auf die Einladung zum gestrigen Festakt nicht reagiert oder kurzfristig abgesagt. Wann es konkrete Vereinbarungen über die Rückgabe der fehlenden Felder geben wird, mag heute niemand sagen.

Märkische Allgemeine vom 30. Juni 2007

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