Grüße aus dem Jahr 1891

Schatulle aus der Mellnsdorfer Kirchturmspitze geöffnet

H.-DIETER KUNZE

MELLNSDORF Das Geheimnis um den Inhalt der Schatulle aus der Kugel vom Turm der Dorfkirche Mellnsdorf ist gelüftet. Am späten Sonnabendnachmittag warteten zahlreiche Besucher im Gotteshaus gespannt, was da wohl ans Tageslicht kommen wird. Zunächst machte die verlötete Röhre aus verzinktem Blech die Runde, jeder wollte sie einmal anfassen und reichte sie ehrfurchtsvoll weiter.

Dann endlich griff Ditmar Richter zur Eisensäge, ihm assistierte Willi Höhne, Vorsitzender des Fördervereins "Dorfkirche Mellnsdorf". In dem Blechbehälter, der am 5. Juni 1891 von Pastor Scheele aus Blönsdorf gefüllt worden war, fand sich eine Papprolle, verschnürt, versiegelt und sehr gut erhalten. Am interessantesten erschien ein langes handschriftliches Dokument des Geistlichen, sehr sauber geschrieben und mit dem Kirchenstempel versehen, der noch heute existiert. Johanna Gresse fand sich als "Dolmetscherin" für die altdeutsche Schrift.

Jedes Gehöft und dessen Besitzer zählte Pastor Scheele in seinem Brief an die Nachwelt auf. 129 Einwohner hatte Mellnsdorf damals, darunter 80 Kinder. Ein großer Teil von ihnen ging jeden Tag zu Fuß in die Schule nach Blönsdorf. Interessant auch, dass damals eine Kuh zwischen 240 und 480 Mark kostete. Unglücksfälle hatte es zur damaligen Zeit in Mellnsdorf nicht gegeben, nur ein Ereignis wurde erwähnt: 1886 stürzte in der Weihnachtsnacht beim Läuten die kleine Glocke vom Kirchturm herab und zersprang. Zu Schaden kam dabei niemand.

Beigelegt waren außerdem zwei Exemplare der damaligen Tageszeitung "Wittenberger Tageblatt" von Donnerstag, dem 4., und Freitag, dem 5. Juni 1891. Pastor Scheele hatte außerdem zehn Lose für die 1. Klasse der 110. Runde der "Herzoglichen Landeslotterie Direction" dazugelegt. All diese Zeitdokumente wurden wieder sorgsam verpackt. Pfarrerin Ute Grützke nahm sie in Obhut. Wer möchte, kann Kopien bestellen. Außerdem soll das altdeutsch geschriebene Schriftstück für jedermann verständlich in heute üblicher Schrift zu Papier gebracht werden.

Die geschichtsträchtige Veranstaltung im Mellnsdorfer Gotteshaus war sehr gut besucht. Für die musikalische Umrahmung sorgten Kirchenmusiker Michael Weigert aus Zahna (Keyboard) und Paul Ungureanu (Posaune) aus Marzahna. Beim Gottesdienst mit Pfarrerin Ute Grützke spielten sie auf ihren Instrumenten Choräle. Anschließend ging es bei einem Konzert in und vor der Kirche locker und beschwingt zu.

Hans-Joachim Frank, Leiter des Theaters 89, zitierte während des Gottesdienstes Passagen aus dem Buch "Lenz" von Georg Büchner. Auf der Gitarre spielte sein Künstlerkollege Sebastian Tyroller. Mit einem gemütlichen Beisammensein vor der Kirche klang dieser geschichtsträchtige Nachmittag aus.

Ein Ziel des im Jahr 2005 gegründeten Fördervereins "Dorfkirche Mellnsdorf" soll noch in diesem Jahr verwirklicht werden. Das Dach des Kirchenschiffes wird neu gedeckt und das hölzerne Turmgehäuse einschließlich Spitze wieder aufgesetzt. In der Kugel unter dem Kreuz werden dann auch heutige Zeitdokumente hinterlegt sein.

Märkische Allgemeine vom 04. Juni 2007

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