Gotische Schönheit könnte gerettet werden

Krüssower Kirche verfällt / Fernseh-Show als Chance

ULRIKE GRUSKA

ALT KRÜSSOW Ein einziger Blick reichte, da war es um ihn geschehen. Es war einer dieser lichtdurchfluteten Frühlingstage, als Uwe Dummer, ein Unternehmer aus der Prignitz, zum ersten Mal die schwere Holztür zur Kirche von Alt-Krüssow öffnete. Dahinter lag das mittelalterliche Kirchenschiff wie verzaubert. In goldenen Strahlen fiel die Sonne durch das östliche Giebelfenster, ließ Staubkörnchen in ihrem Licht tanzen und malte bunte Kringel auf den Fußboden. "Ich will nicht sagen, dass es Liebe war", sagt Dummer, "aber doch eine tiefe emotionale Verbundenheit, die mich nicht mehr loslässt."

Heute, ein paar Jahre später, ist das Giebelfenster blind. Wo einst kunstvoll bemaltes Glas schimmerte, nimmt dicker Pappkarton die Sicht. An den Wänden des Kirchenschiffes blättert die Farbe, mit ihr verschwinden filigrane Ornamente aus Blättern und Blüten. Die Fensterbögen sind von Rissen durchzogen. "Eigentlich halten die Steine nur noch aus Freundschaft zusammen", sagt eine Frau aus dem Dorf. Die Wallfahrtskirche zu Alt-Krüssow, ein Schmuckstück spätgotischer Baukunst, verfällt.

Roswitha Schick liebt diese Kirche genauso wie Uwe Dummer. Sie wohnt in einem schmucken, rosafarbenen Häuschen genau gegenüber und war die letzte, die in Alt-Krüssow kirchlich getraut wurde vor 33 Jahren. Auch ihre Kinder ließ sie später dort konfirmieren, da pfiff der Wind schon durch die Löcher in den Scheiben. "Die Wände haben wir mit Birkenzweigen geschmückt und so die kaputten Stellen versteckt", erzählt sie.

Etwas Altersschwäche muss man der Alt-Krüssower Kirche schon zugestehen. Erbaut wurde sie vor fast 500 Jahren und nur eine einzige, eher notdürftige Renovierung hat sie seither erlebt. Dazu die Baupläne, die sich immer wieder veränderten: Als typische Dorfkirche der Prignitz war zunächst ein niedriges Gotteshaus aus Feldsteinen geplant. Doch zu Beginn des 16. Jahrhunderts erlebte Alt-Krüssow einen unerwarteten Aufschwung als Wallfahrtsort: Pilger aus dem Norden hielten dort auf dem Weg in die Wunderblutkirche von Bad Wilsnack. Sie verehrten die heilige Anna, die Großmutter Jesu. Ihren Rock sollen sie als Reliquie angebetet und großzügige Opfergaben hinterlassen haben.

Also mauerten die Bauherren die schon fertiggestellten Fensterbögen wieder zu die Kirchenwände erzählen noch heute von dieser wechselvollen Geschichte und setzten einen prächtigen Aufbau aus Ziegeln auf die Feldsteine. Die Ostseite der Kirche erhielt einen Stufengiebel, weithin sichtbar und mit feinen Friesbändern verziert. An die Nordseite wurde eine kleine Kapelle gebaut. Die Jahresringe der mächtigen hölzernen Dachbalken verraten, dass die Kirche älter ist als das weitaus bekanntere Kloster im benachbarten Heiligengrabe. Sie wurde also nicht, wie lange Zeit angenommen, nach dessen Vorbild erbaut, sondern vorher und das macht die Alt Krüssower stolz. Überhaupt grenzt es, urteilen Denkmalschützer, an ein Wunder, dass das mittelalterliche Dachgestühl all die Brände und Kriege überstanden hat, die Brandenburg im Laufe der Jahrhunderte verwüsteten.

Einem kleinen Wunder gleicht auch, wie sehr sich die Menschen im Dorf für ihre Kirche engagieren. Dabei wohnen kaum mehr hundert Seelen in Alt-Krüssow, viele Häuser sind verfallen. Schon vor Jahren hat der Gasthof geschlossen, zum Einkaufen kommt ab und zu das Bäckerauto vorbei. Außer einem Landwirt und einem Biobauern hat kaum einer Arbeit in dieser verlassenen Gegend.

Doch als Uwe Dummer die Einwohner vor vier Jahren in die Kirche rief, kamen sie zahlreich. Fest entschlossen, das Gebäude zu retten, gründeten sie einen Förderverein und wählten Dummer zum Vorsitzenden. Seither finden in Alt-Krüssow Konzerte und Theatervorführungen statt. Der Pritzwalker Posaunenchor kommt und die Big Band der Musikschule. "Vor zwei Jahren haben wir endlich wieder einen Weihnachtsgottesdienst in der Kirche gefeiert", erzählt Dummer, "der Raum war voll, wir haben gefroren wie die Schneider doch es war wunderschön." Nur manchmal, wenn der Wind allzu sehr durch die Ritzen und brüchigen Fenster blies, schaukelte der achtarmige Leuchter unheilvoll über dem Chor.

Der Leuchter hat bis heute gehalten, die dringendsten Probleme der Kirche sind andere. Im Dachgestühl fehlen stützende Balken. "Die Statik stimmt nicht mehr", erklärt Dummer, "die Wände neigen sich, daher die Risse über den Fenstern". Ein großer Teil der übrigen Balken ist verfault, lange werden sie das Dach nicht mehr tragen. Also wird für eine umfassende Sanierung gesammelt. "Wir haben kein Geld für kleinere Reparaturen", sagt Dummer. Nur das Ostfenster aus buntem Glas, das ihn einst so beeindruckt hatte, wird erneuert, um ein Zeichen zu setzen. 600 000 Euro, steht im Sanierungskonzept, sind nötig, um die Kirche vor dem Einsturz zu retten.

So viel Geld zusammenzukriegen, kann Jahre dauern oder aber einen einzigen Abend. Am 22. April tritt Alt-Krüssow in einer Fernseh-Show gegen drei Dörfer aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen an. Wer sein Dorf am unterhaltsamsten präsentiert und die gestellten Aufgaben löst, erhält eine halbe Million Euro für den Erhalt der Dorfkirche. Die Alt-Krüssower also tüfteln und sammeln Ideen. Hunderte Freunde haben sie eingeladen, um ihr Dorf zu unterstützen. Dummer ist zuversichtlich: "Wir kriegen das Geld." Ob das gelingt, hängt davon ab, wie viele Brandenburger am 22. April den Fernseher einschalten und für Alt-Krüssow stimmen.

Märkische Allgemeine vom 13. April 2007

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