Wertvolle Schriftstücke

Historische Dokumente aus dem Kränzliner Kirchturm zeugen von vier wechselvollen Jahrhunderten

KATHARINA KASTNER

KRÄNZLIN Von den Widrigkeiten der vergangenen Jahrhunderte ist heute nichts mehr zu spüren: Kränzlin hat sich gemausert und ist zu einem attraktiven Dorf geworden. Allein im Vorjahr sind 30 neue Einwohner hinzugekommen.

Dabei hatte die Landbevölkerung einst schwer zu leiden: Seuchen, Kriege, Plünderungen und Feuersbrünste hatten den Kränzlinern zu schaffen gemacht. Wie wechselvoll und entbehrungsreich die Vergangenheit war, belegen 400 Jahre alte Schriften, die aus dem ehemaligen Turmknopf der Kränzliner Kirche stammen. Die historischen Dokumente waren 1972 gerettet worden, nachdem ein Sturm den Turm zerstört hatte. Sie lagerten viele Jahre im Pfarrhaus und sind jetzt von Einwohner Peter Birke analysiert und vorgestellt worden. Der Förderverein, der sich seit 1998 für den Erhalt der Kränzliner Kirche einsetzt, hatte jüngst zu einem aufschlussreichen, unterhaltsamen Abend ins Gemeindezentrum eingeladen. Fast 50 Gäste waren gekommen, um mit Peter Birke auf Zeitreise zu gehen.

"Man kriegt ein ehrfürchtiges Gefühl, wenn man die wertvollen Dokumente in den Händen hält", sagte Peter Birke. Die Zeit hat deutliche Spuren an den Schriftstücken hinterlassen: "Sie zerfallen einem fast in der Hand." Umso behutsamer habe er mit den arg beschädigten Zeugnissen umgehen müssen, erklärte der pensionierte Zahnmediziner, der in diesem Winter zum Hobby-Historiker wurde: Wochenlang hatte Peter Birke die Schriften entziffert, Hintergründe recherchiert und aufgeschrieben. Das Ergebnis sorgte für Erstaunen, bedrückende Momente und amüsante Augenblicke.

Das älteste Stück, das der 71-Jährige präsentierte, ist eine Bleiplatte, die vermutlich 1619 kurz nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges angefertigt wurde. Die eingestanzten Buchstaben lassen sich kaum mehr entziffern. Sie erinnern an eine Ehefrau und einen Sohn, die unerwartet ums Leben kamen.

Das erste Dokument über die Kränzliner Kirche stammt aus dem Jahre 1680. Der damalige Pastor Casparus Schütze schildert darin den Bau eines neuen Turmdaches und die Neubesiedlung der Gegend nach dem Krieg. Auf weiteren, inzwischen stark vergilbten Papieren aus den Jahren 1737 und 1757 schrieben Pastoren erneut über Reparaturen am "Crentzliner Kirchturm" – mal waren "die Seiten nach Morgen und Mittag beschädigt, so dass Regen eindrang", mal waren "die Seite nach dem Abend hin beschädigt und Balken verfault, so dass ein Läuten nicht mehr möglich war". Die Dokumente belegen, dass sich die Kränzliner immer wieder für ihr Gotteshaus eingesetzt haben. "Daran können wir uns ein Beispiel nehmen", sagte Peter Birke, der Mitglied im Förderverein ist.

1833 berichtete Gutsherr Scherz "von der schlimmsten Zeit", die Kränzlin je erlebt habe. Die Bevölkerung litt ab 1806 unter den Einquartierungen preußischer Truppen und musste bedeutende Lieferungen an Korn, Brot und Vieh leisten. Cholera hatte das Dorf befallen, Ernten fielen schlecht aus und letztlich schlug auch noch ein Blitz in den Kirchturm ein, der den Glockenstuhl zersplitterte. Der damalige Prediger fügte hinzu, dass "die Pest aus Russland und Polen kam und Trinker derselben am mehrsten unterworfen sind". Nur sechs Jahrzehnte später breitete sich während eines Sturms ein großes Feuer im Dorf aus, das Bauerngehöfte und Rittergüter zerstörte.

Aber auch von Kränzlins berühmten Gästen berichten die Dokumente. Von 1760 bis 1762 war der Vater von Karl Friedrich Schinkel Pfarrer im Dorf. Kränzlin wurde zu einem Lieblingsort Schinkels, dessen ältere Schwester Sophie dort später mit dem Prediger Wagner verheiratet wurde. Sie hatte lange Zeit im Pfarrhaus gelebt. Auch Theodor Fontane schwärmte von Kränzlin: Ihn verband eine enge Freundschaft mit dem Scherz’schen Hause. Oft habe er im Kränzliner Gutshaus genächtigt.

Märkische Allgemeine vom 28. März 2007

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