Aufrechte Fünfzig: Ein uckermärkisches Dorf rettet die Kirche

Vor mehr als dreißig Jahren gab es in der Dorfkirche von Küstrinchen den letzten Gottesdienst. Die letzte Beerdigung – "Da haben wir doch vom Krüger die Mutter beerdigt" – war 1974. Der Kirchturm diente eine Zeitlang als Feuerwachturm. Die Glocke war schon damals verschwunden, wie auch der Altar, der so lange herumreiste, bis passend zu seiner Größe eine andere Kirche gefunden war. Dort steht er noch heute. Die Kirche in Küstrinchen aber verfiel. Efeu, Büsche und Bäume holten sich zuerst den kleinen Friedhof. Schließlich war auch die baufällige Kirche vollkommen überwachsen. Ganz oben schaute noch die Wetterfahne von 1828 heraus.

Der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg hatte die Stirn, sich im Jahr 2001 zum Tag des Offenen Denkmals mit einem Plakat vor die Kirche zu stellen – als Mahnung an die Einwohner. Küstrinchen, in der seenreichen Landschaft um Templin und mitten im Wald gelegen, hat fünfzehn Häuser und keine fünfzig Einwohner. Die nun wurden von ein paar Berlinern gemahnt, dass die Kirche im Dorf bleiben müsse. Ungeheuerlich! Doch mit Wirkung: Man gründete einen Verein zur Rettung der Kirche. Diese ist ohne kunsthistorische Bedeutung. Aber sie ist nun einmal der Mittelpunkt des Ortes.

Der Verein wird von Werner Schweinberger geleitet, 63 Jahre alt. Früher war er bei der Binnenfischerei im DDR-Bezirk Neubrandenburg zuständig für die Gesundheit der Fische. Dann wurde er, wie er sagt, "in den Ruhestand getreten". Er zog nach Küstrinchen, eines preiswerten Hauses wegen – aus dem alten Besitz der DDR-Binnenfischerei. Der Verein hatte zuerst siebzehn Mitglieder. Jetzt sind es doppelt so viele. Dennoch, sagt Schweinberger, sei die "Kaderdecke dünn". Er sagt auch nicht "Wiederaufbau der Kirche", er sagt "Maßnahme". Er würde auch in keinen Gottesdienst gehen. Der Vereinsvorsitz ist so etwas wie früher ein Parteiauftrag. "Wer soll es hier auch sonst machen?"

Vor ein paar Tagen war Richtfest. Es kamen mehr Leute, als Küstrinchen Einwohner hat. Und es gab geräucherte Forellen. Bis Jahresende wird das Dach dicht sein. Wenn das geschafft ist, bleiben allerdings die Sicherung des Turmes, die Neuverglasung der Fenster und der Innenraum. Kirche soll das Haus bleiben. Der Pfarrer von Lychen könnte ein paar Mal im Jahr Gottesdienst halten. Das Land Brandenburg plant eine touristische "Fischereistraße". Die Kirche von Küstrinchen könnte eine der Stationen sein. Aber vielleicht ist es gar nicht so wichtig, ob und wie sie später genutzt wird: Weil die Leute ihre Kirche retten, retten sie auch ihr Dorf, das sonst nichts als eine Ansammlung von Häusern wäre. Vor Ostern rückte man gemeinsam der uckermärkischen Dornröschenhecke zu Leibe. Fast alle aus dem Dorf kamen. Man stritt, wessen Motorsäge leistungsfähiger sei. Einer brachte seine Pferde mit, die halbe Bäume aus dem Gebüsch zogen. Aus dem vielen Holz wurde zum erstenmal in der Geschichte von Küstrinchen ein Osterfeuer ein Osterfeuer. Zum erstenmal feierten die Leute gemeinsam. Das ist eine Ermutigung, wenn wieder einmal das Geld knapp wird – trotz der Hilfe durch sechs Stellen aus der Arbeitsbeschaffung, der Zuwendungen des Landes Brandenburg, des Vereins Alte Kirchen oder aus privaten Spenden.

In Saaringen bei Brandenburg an der Havel hatte die Kirchengemeinde 1997 den Antrag auf Abriß der Dorfkirche gestellt. Das wollten die Saaringer denn doch nicht zulassen und retteten ihre Kirche. Sie gehört seitdem einem Verein. Die Kirchengemeinde ist, wenn auch ohne Miete zu zahlen, beim Gottesdienst Mieter.

FRANK PERGANDE