Die Märtyrerglocken von Prötzel

Rolf Kaupat im Glockenturm 
Rolf Kaupat im Glockenturm

Prötzel (MOZ) Die Prötzeler Kirche - ein Feldsteinbau, wie er vielerorts in der Region zu finden ist. Doch der erste Eindruck täuscht. Die Schlosskirche zu Prötzel zeichnet sich vor allem durch zwei Besonderheiten aus. Zum einen ist es der 1786 erbaute Kirchturm, der sich anders als sonst üblich nicht im Westen, sondern im Osten des Gotteshauses befindet. Die Interpretationen der Prötzeler besagen, dass somit auch der Baron die Uhrzeit vom benachbarten Schloss aus habe sehen können. Zum anderen sind es die Glocken, die für sich genommen eine Seltenheit in der Kirchenlandschaft der Region darstellen. Dabei handelt es sich um Märtyrerglocken. Eine ist u. a. Dietrich Bonhoeffer gewidmet. Der Geburtstag des Theologen jährte sich zum 100. Mal.

Ob die Märtyrerglocken am Montag, 16. Oktober, zum 60. Geburtstag von Pfarrer Manfred Caesar zu hören sein werden, ist ungewiss. Ansonsten wird das Trio nämlich nur noch zu besonderen Anlässen geläutet. Wie etwa zu einer Taufe oder zum Weihnachtsfest in diesem Jahr. Dann wird der Klang der mittlerweile 46 Jahre alten Glocken wieder weithin zu hören sein, wie Rolf Kaupat, zweiter Vorsitzender des Fördervereins Schlosskirche Prötzel, mit Freude verkündet.

Sie seien schon etwas Besonderes, strahlt der 69-Jährige. Schließlich ist jedes der drei Exemplare einem Märtyrer gewidmet - also einem Menschen, der wegen seiner Überzeugung oder seines Glaubens getötet wurde. Die mit 180 Kilogramm leichteste der drei Glocken ist Paul Schneider geweiht, der 1939 im Konzentrationslager (KZ) Buchenwald durch eine Giftspritze ums Leben kam. Der "e"-Klang läutete früher das Gottesgebet der Prötzeler ein. Die Aufschrift beinhaltet unter anderem einen Auszug aus einem Brief an seine Frau im Oktober 1937 "Lass uns immer nichts tun ohne Gebet".

Die einstige Stundenschlagglocke ist Dietrich Bonhoeffer, Theologe und Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg, gewidmet. Dessen Geburtstag jährte sich in diesem Jahr zum 100. Mal. Bonhoeffer wurde am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg erhängt. Insgesamt vier Mitglieder der Familie Bonhoeffer wurden in den letzten Apriltagen 1945 ermordet. Die Ton "d" schwingende Glocke hat ein Gewicht von 250 Kilogramm.

Um immerhin 180 Kilogramm schwerer ist die Dritte im Bunde. Sie ist dem Bischof Polykarp von Smyrna gewidmet. Auch er ließ sein Leben im Glauben an die Gerechtigkeit. Er wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die Glocke trägt unter anderem die Innschrift "Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche".

Die Märtyrerglocken wurden einst in der Gießerei von Schilling & Lattermann in Apolda gegossen. Geweiht wurden sie am 14. Februar 1960. Seither gehören sie zum Schatz von Prötzel.

Doch es sind nicht die ersten Glocken, die jemals im Gotteshaus das Gebet der Gläubigen begleiteten. Bereits 1678 stiftete der Kirchenpatron Siegesmund von Platkow für die abgebrannte Kirche eine Glocke. 20 Jahre später war es der Kirchenpatron Komtur Adam-Georg von Schlieben, der den Prötzelern zwei Glocken, angefertigt vom Stettiner Glockengießer Johann Jacob Mangold, spendete.

Allerdings war deren Klang aufgrund des Standortes kaum zu hören. Die drei Glocken befanden sich auf dem Kirchhof, eingehängt unter einem Gerüst. Erst als Paul-Anton von Kameke (1674 - 1717) das Gotteshaus mit einem an der Westseite erbauten kleinen Turm hat zieren lassen, wurde das Glockengeläut in demselben errichtet. Später zogen sie in den 1786 an der Ostseite errichteten Kirchturm um.

Doch wie überall in Deutschland fiel auch eine der Prötzeler Glocken dem Krieg zum Opfer und wurde eingeschmolzen.

Das zweite Exemplar sei 1952 nach Grunow gegangen, blättert Rolf Kaupat gedanklich in der kirchlichen Historie. Die Dritte dürfte sich seinen Informationen zufolge bei Pfarrer Manfred Cäsar befinden.

Glücklichweise fand sich 1960 die Möglichkeit, für Prötzel drei neue Glocken in Auftrag zu geben, die seither im zuletzt 1997 sanierten Kirchturm ihren festen Platz gefunden haben.

Besucher bekommen das Trio eher selten zu sehen. Doch die Schleiereule und die Falken, die unterm Dach nisten, haben ein wachsames Auge auf die Märtyrerglocken von Prötzel.

Märkische Oderzeitung vom 13. Oktober 2006

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