Ende Oktober wurde der Neuendorfer Kirche das zeltförmige Holzdach aufgesetzt. Schon zu Weihnachten können dann hier erste Konzerte im Trockenen erklingen.

 

Jahrzehntelang war die Alte Neuendorfer Kirche eine Ruine auf einem lauten und hässlichen Platz. Jetzt entsteht eine Kultur- und Begegnungsstätte

Dem Anger Würde verleihen

Von Thomas Klatt

POTSDAM Maurermeister Friedrich Wilhelm Francke hat immer schon am Neuendorfer Anger, dem historischen Kern des heutigen Babelsberg, gewohnt. Er weiß noch, wie hier im Juni 1941 das erste Mal Bomben auf die große Bethlehemkirche fielen. Damals gab es noch zwei Kirchen auf dem Anger. Als Nachfolgebau der mittelalterlichen Fachwerkkirche wurde die Alte Neuendorfer Kirche errichtet, ein neugotisches Achteck aus hellem Backstein nach den Ideen von Friedrich Wilhelm IV. und den Plänen von Ludwig Ferdinand Hesse. Vorbild für das ungewöhnliche Oktogon war St. Gereon in Köln.

Drei Jahre lang wurde unter der Anleitung des Schinkel-Schülers Christian Heinrich Ziller an dem oktogonalen Zentralbau gearbeitet. Am 30. Januar 1853 konnte endlich die Weihe der schon damals zu kleinen Kirche stattfinden. Denn die Neuendorfer Gemeinde wuchs sprunghaft und schon nach 50 Jahren entstand direkt nebenan die wesentlich größere Bethlehemkirche. Diese wurde dreimal bis Kriegsende von Bomben schwer getroffen. Im September 1952 entschieden die SED-Mächtigen, die Kirchenruine nicht wieder aufzubauen, sondern zu sprengen. "Alles war abgesperrt und die Babelsberger wollten die Sprengung nicht. Aber wie sollte man damals dagegen protestieren?", erinnert sich Francke. Nach heutigem Kenntnisstand hätte die Bethlehemkirche wohl erhalten werden können.

Dieser erste Potsdamer Kirchenabriss nach dem Zweiten Weltkrieg war ein antikirchliches Signal, denn Jahre später wurden auch die Garnison- und Heiliggeistkirche in der Stadt zerstört. Auch die verbliebene Alte Neuendorfer Kirche wäre beinahe noch abgerissen worden, weil für die Nuthe-Schnellstraße in den 70er Jahren die Trasse für eine Auf- und Abfahrt direkt durch den Anger führen sollte. Zwar wurde der Plan nicht weiter verfolgt, doch der Dorfanger verfiel zusehends.

Die Kirchenruine diente als Kartoffelspeicher und später, als das Dach und Gewölbe aus Sicherheitsgründen abgetragen werden mussten, der benachbarten Glaserei als Lager. Auf dem Platz davor schlug ein Zirkus regelmäßig sein Winterquartier auf. In einer provisorischen Baracke auf dem Anger wurden Tag und Nacht Postpakete abgeliefert. "Es war immer recht hässlich und laut hier", erinnert sich Franckes Nachbarin, Christiane Spaltmann, die schon als Kind auf dem Ruinenplatz Verstecken spielte. Die alte Postbaracke hatte Mitte der 90er Jahre ausgedient, keiner schien sich für das Areal verantwortlich zu fühlen.

Vor drei Jahren taten sich daher Neuendorfer Bewohner auf Initiative der Fördervereinsvorsitzenden Gisela Opitz zusammen, um ihrem historischen Anger wieder Würde zu verleihen. Zuerst musste der Platz von Gestrüpp befreit und gesäubert werden. Der Grundriss der gesprengten Bethlehemkirche wurde mit Pflastersteinen nachgebildet. Unter der Federführung des Baudenkmalpflegers Roland Schulze spendeten bislang über 30 Firmen Bau- und Sachleistungen zum Aufbau des alten Kirchen-Achtecks. So wurden zum Beispiel das Kreuz für die neue Kirchturmspitze und die Kanzel für das Kirchenschiff eigens als Meisterstücke angefertigt. Viel Unterstützung kommt auch von ehemaligen Anger-Bewohnern. Dass ihre alte Kirche wiederaufgebaut wird, lässt ihre Herzen höher schlagen.

Aus dem Kirchen-Oktogon soll für insgesamt eine halbe Millionen Euro eine Kultur- und Begegnungsstätte entstehen, in der aber auch Taufen oder Trauungen stattfinden können. Nach Bewilligung öffentlicher Fördermittel wurde nun das zeltförmige Holzdach aufgesetzt. Schon zu Weihnachten könnten dann hier erste Konzerte im Trockenen erklingen. Auch die drei geretteten Glocken der gesprengten Bethlehemkirche werden wieder läuten. Das noch erhaltene dreistimmige Geläut soll in einem Glockenstuhl auf dem Anger Platz finden. Für die Bleiverglasung der acht nach historischem Vorbild nachgebildeten neugotischen Fenster werden noch Sponsoren gesucht. Die Mitglieder des Fördervereins hoffen, dass die umfangreichen Restaurierungsarbeiten bis zum nächsten Jahr abgeschlossen sein werden. Denn dann feiert die Alte Neuendorfer Kirche ihr 150-jähriges Bestehen.

Info: www.neuendorfer-kirche-potsdam.de.

 

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