OBDACH FÜR OMA ANNA

Potsdamer Benefiz: Die Wallfahrtskirche in Alt Krüssow braucht Hilfe

Die zentrale Begleitausstellung zum Kulturland-Themenjahr "1000 Jahre Christentum in Brandenburg" ist seit Mitte September im Potsdamer Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte zu sehen. Eine Vielzahl von Exponaten aus märkischen Kirchen eröffnet dort den Zugang zu unserer vergessenen "christlichen Kulturprägung". Unter dem Motto "Gott in Brandenburg" wird die MAZ bis zum Ende der Schau wöchentlich eines dieser Objekte näher vorstellen.

FRANK KALLENSEE

Wallfahrtskirche in Alt Krüssow
 
Anna Selbdritt

Zu groß für ein Dorf und zu schick. Allerdings war ursprünglich auch Bescheideneres aus Feldstein projektiert. Doch noch vor ihrer Fertigstellung wurde die Kirche mit aufwändigerer Backsteintechnik in die Höhe getrieben. Der gotische Saalbau mit Kapelle, den der Havelberger Bischof Johannes III. von Schlabrendorf dann 1520 in Alt Krüssow weihte, war gewaltig. Heute ist er ein gewaltiges Problem.

Der Putz bröckelt. Die Fenster sind kaputt. Schwellen der Dachkonstruktion faulen. Feuchtigkeit schädigt die Gewölbe. Die Statik lässt mit Rissen in den Längswänden grüßen. Das Schlimmste aber: Die Gemeinde ist klein. Zu klein, um das Gotteshaus angemessen unterhalten zu können. Einsturzgefahr ist also im Verzug, dort oben in der Prignitz.

Nirgends ist man sich dieses Risikos bewusster als im Förderverein Wallfahrtskirche Alt Krüssow, der sich im August 2003 „die Rettung des historischen Gebäudes vor dem Verfall“ in die Satzung geschrieben hat – „zum Zwecke einer dauerhaften Nutzung“. Die 30 Enthusiasten werden einen langen Atem brauchen, vor allem aber Ideen für die Mittelakquise. Das Benefizkonzert mit dem Berliner Susato-Ensemble, zu dem morgen das Haus der Brandenburgisch-Preußische Geschichte und der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg in den Potsdamer Kutschstall bitten, dürfte deshalb noch lange nicht das Letzte seiner Art sein. Alte Musik soll das Geld beschaffen helfen, mit dem eine genaue Bauaufnahme bezahlt werden kann. Denn die wiederum ist die Voraussetzung für jegliche Sicherungs- und Restaurierungsmaßnahmen.

Das Stichwort ist gefallen: „Wallfahrtskirche“. Warum ausgerechnet Alt Krüssow ein „Gnadenort“ wurde, wird wohl ein Rätsel bleiben. Auffällig ist nur, dass der Flecken an der Strecke lag, die zum Wunderblut nach Wilsnack führte, und nur fünf Kilometer entfernt von der 1512 in Betrieb genommenen Heilig-Grab-Kapelle des Klosters Heiligengrabe. Es war die Heilige Anna, mit der die Alt Krüssower Prälaten gegen die geschändeten Hostien der konkurrierenden Nachbarn anzutreten trachteten. Die Dame rangierte im späten Mittelalter unter den Top Ten der beliebtesten Schutzheiligen. Pilger, die sich von Marias Mama respektive Jesu Oma Linderung von körperlichen Gebrechen erhofften, sollten dafür zahlen. Bares. Den großen Reibach indes – verhinderte die Reformation.

Vielleicht warb Alt Krüssow mit einem wundertätigen Annenbild. Vielleicht wurde hier aber auch der „Rock der Heiligen Anna, von gekreuseltem Leinen“ als Reliquie verehrt. Aufgehängt in jener freskenfrohen und mit einem gotischen Gitter gesicherten Segmentbogennische in der Kapellennordwand. Würde zumindest passen. Immerhin tauchte „der Lappen“ 1877 im Inventar des Märkischen Museums in Berlin auf. Bis dahin freilich hatte er in Alt Krüssow „bei der Reinigung der Kirche als Umhängsel“ (sprich: Schürze?) Verwendung gefunden. Leider ist das Textil verschollen.

Dafür gibt es noch einen 1505 geschnitzten Annen-Altar – derzeit allerdings an die frühere Konkurrenz Heiligengrabe verliehen. Ein Alt Krüssower Kruzifix und eine Bischofsskulptur gastieren hingegen als Exponate der Kulturland-Portalausstellung „Gott in Brandenburg“ in Potsdam. Befristet bis zum 8. Januar 2006 in besagtem Kutschstall. Zusammen sind sie ein immer noch starker Abglanz der einstigen Bedeutung Alt Krüssows, die unlängst durch den Berliner Kunsthistoriker Dirk Schumann bestätigt und erhärtet wurde. Er konnte nämlich nachweisen, dass das elegante Ziegelgiebelwerk der Kirche älter ist als das der Heiligengraber Heilig-Grab-Kapelle. Geltende Lehrmeinung war bisher das Umgekehrte. Dendrochronologische Untersuchungen der Dachbalken ergaben aber 1517 für Alt Krüssow und 1520 für Heiligengrabe. Drei Jahre Differenz, die gewiss nicht die Welt bewegen, aber durchaus die Kunstgeschichte der Prignitz. Und nun hoffentlich viele Spender.

Benefizkonzert zugunsten der Wallfahrtskirche Alt Krüssow: Susato-Ensemble, 5. November, 19 Uhr. Kutschstall, Am Neuen Markt 9, Potsdam. Weitere Informationen unter Tel. 03 31/6 20 85 50.

„Gott in Brandenburg – Zeugnisse christlicher Kulturprägung“: Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte/Kutschstall, Am Neuen Markt 9, Potsdam. Di-So 11-18 Uhr, Mi 11-20 Uhr. Bis 8. Januar 2006

   Zur Artikelübersicht