Ein Kulturzentrum für das Braunkohlerevier
Die Wendische Kirche in Senftenberg soll umgebaut werden. Von Yvonne Jennerjahn

Stadtkirche von  Senftenberg
 
Stadtkirche von  Senftenberg

Senftenberg (epd). Eine wendische Gemeinde gibt es im südbrandenburgischen Senftenberg schon lange nicht mehr. Der letzte Gottesdienst in wendischer Sprache wurde 1881 gefeiert, 1993 war wegen Baufälligkeit sogar der Abriss der Wendischen Kirche geplant. Doch das gleich neben der Deutschen Kirche gelegene Bauwerk im Stadtzentrum wurde unter Denkmalschutz gestellt und musste deshalb saniert werden. Seit 1999 leuchten die Mauern wieder in strahlendem Weiß.

Der Innenraum jedoch blieb unsaniert. Nun will ein Förderverein ihn ebenfalls herrichten und die Wendische Kirche zu einem modernen soziokulturellen Zentrum für Südbrandenburg ausbauen. Da die Baugenehmigung bereits vorliegt, würde Diplomingenieur Holger Liesk auch gerne sofort mit den Bauarbeiten beginnen. Der Baustatiker aus Senftenberg, Mitglied des Fördervereins und des Gemeindekirchenrates, läuft durch den schwarzen Staub der Parkettreste und schwärmt von dem, was kommen könnte. Das Kirchenschiff soll verkleinert werden, vom Eingang bis zur Mitte des Raums soll eine Zwischendecke eingezogen werden, der Rest als Saal erhalten bleiben. So können zusätzliche Räume für Vereine und Projekte entstehen.

Wenn es kalt wird, könnte der vordere Saal der wendischen Kirche nicht nur für kulturelle Veranstaltungen und Familienfeiern, sondern auch als Winterkirche der benachbarten Stadtgemeinde St. Petri und Paul genutzt werden. "So ein soziokulturelles Zentrum gibt es in der Form noch nicht in Südbrandenburg", sagt Liesk. Und die Region hätte es bitter nötig, argumentiert der Förderverein in seinem Nutzungskonzept. Mit mehr als 25 Prozent Arbeitslosigkeit gehört Senftenberg zu den besonderen Problemgebieten Brandenburgs.

Die Menschen verlassen die Stadt im Braunkohlerevier, die ihnen keine Zukunft bieten kann und nur durch die Eingemeindung mehrerer Dörfer noch 30.000 Einwohner zählt. Die wirtschaftliche Misere und der Bevölkerungsrückgang könnten auch zu einer geistigen Verarmung führen, warnt der Förderverein. Kommerzielle Kultur sei für viele zu teuer, kommunale Angebote würden stark eingeschränkt.

Mit dem soziokulturellen Zentrum in der Wendischen Kirche will der Verein den drohenden Kulturverlust aufhalten. Vertreter der politischen Parteien, die Stadt, die evangelische Kirche, der Eine-Welt-Verein und der Bürgermeister sind dabei. Die Kirche soll Eigentümerin der Wendischen Kirche bleiben und ein Vetorecht bei der Veranstaltungsplanung erhalten. Doch bisher ist die Finanzierung nicht gesichert.

Rund 400.000 Euro soll der Ausbau insgesamt kosten. Da die evangelische Landeskirche keine Zuschüsse gewähren kann, müssen die Gemeinde und der Kirchenkreis knapp 150.000 Euro selbst aufbringen. 165.000 Euro sollen vom Landkreis und der Bundesanstalt für Arbeit kommen. Ob die Landesregierung ihrerseits einen Zuschuss von 90.000 Euro zahlen wird, ist noch unsicher.

Der Förderverein hofft nun auf eine schnelle Klärung der Finanzierungsprobleme. Denn wenn der Umbau nicht bald beginne, gingen bereits zugesagte Fördermittel unwiederbringlich verloren, fürchtet Pfarrer Manfred Schwarz. Und der Ausbau der Wendischen Kirche zum Kulturzentrum für Südbrandenburg wäre nicht mehr möglich.

epd-Wochenspiegel, Ausgabe Ost vom 21. März 2002


 
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