Das Leben ist eine Reise

Wanderer eröffneten neu ausgewiesenen Pilgerpfad nach Bad Wilsnack

FRAUKE HERWEG

 Hunderte bei Kirchenweihe in Sophienthal
Pilgerschuh aus Wilsnack (16. Jh)
Foto: R. Oefelein

HENNIGSDORF/BÖTZOW Nein, an einen mittelalterlichen Pilgerpfad erinnert hier am Hennigsdorfer Postplatz nichts. Gar nichts. Der Linienbus fährt ächzend an, im S-Bahn-Tunnel hallen Kinderstimmen, als etwa 30 Wanderer ein gesungenes Gotteslob anstimmen. Mit einer gemeinsamen Wanderung von Hennigsdorf nach Bötzow eröffneten sie am Sonnabend den neu ausgewiesenen Pilgerpfad von Berlin nach Bad Wilsnack. Vorbei an Handyläden zunächst und Billigketten.

"Dieses erste Stück ist sehr untypisch", sagt Rainer Oefelein. Zwei Jahre lang hatte sich der ehemalige Architekt und Hochschullehrer auf Spurensuche begeben, um einen der beliebtesten Pilgerpfade des Mittelalters zu rekonstruieren. Wie viele Kirchtürme er dabei erstiegen hat, hat der 70-jährige Kremmener nicht gezählt. Etwa 30 werden es gewesen sein. Bei etlichen fand er mittelalterliche Pilgerzeichen auf den Glocken - Zeichen, die ein Dorfbewohner von einer Pilgerfahrt mitbrachte. Anhand der Zeichen versuchte Oefelein den Weg nachzuweisen.

Die heute ausgewiesene Strecke spürt dem historischen Hauptweg nach. Nicht immer gelang es, den authentischen Weg zu rekonstruieren. Der Abschnitt in Hennigsdorf etwa ist allein pragmatischen Überlegungen geschuldet. Wanderer aus Berlin sollen sich nicht lange durch Vororte quälen, sondern zügig mit der S-Bahn ins Grüne gelangen.

Tatsächlich laufen die Wanderer am Sonnabend nach nur einer Viertelstunde auf Sandwegen durch den Wald. "Pilgern ist eine Art des geistigen Reisens", hatte Pfarrer Arndt Farack bei der Eröffnung erklärt. Rainer Oefelein kann das gut nachvollziehen. Mehrere Male ist er den Jacobsweg nach Santiago gegangen. "Pilgern ist sehr kontemplativ", sagt er. "Ich bin jedes Mal sehr zufrieden nach Hause gekommen."

Im Mittelalter ist das Pilgern ein Massenphänomen. Bis zu einem Viertel der euopäischen Bevölkerung soll sich auf die Reise gemacht haben. Nach Santiago, Rom und Aachen war die Wilsnacker Wunderblut-Kirche das bedeutendste Wallfahrtsziel Nordeuropas. Hunderttausende machten sich auf den Weg dorthin. "Wilsnack war eine Art Woodstock", sagt Wolfgang Holtz. "Nur dauerhafter."

Der 56-jährige Wegekundler wanderte mit einem Freund 1988 den Pilgerweg nach Wilsnack. Gemeinsam mit anderen versuchte er, den Streckenverlauf anhand von historischen Karten nachzuspüren. "Originale Dokumente waren nicht zu bekommen", sagt er. Auch das ein Grund, warum die jetzt ausgewiesene Strecke nur eine Annäherung an die historische Route sein kann.

In Bötzow marschieren die Wanderer auf Kastanienblüten zur Kirche. Diejenigen, die den Weg schon einmal gewandert sind, schwärmen von seinen Naturschönheiten - der Apfelallee zwischen Flatow und Linum etwa. Die Pilgerer des Mittelalters hatten dafür wahrscheinlich keine Muße. Der Grund jeden Pilgerns sei der Glaube gewesen, auf der Erde nicht zu Hause zu sein, sagt Oefelein: "Das ganze Leben ist ein Weg."

Märkische Allgemeine vom 22. Mai 2006

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