Schwamm, Pilze, Geldnot bedrohen Kirche Groß Fredenwalde

 Kirche Groß Fredenwalde

Damit die Vergangenheit Zukunft hat, engagiert sich seit vier Jahren die Deutsche Stiftung Denkmalschutz in Kooperation mit der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Bauten für die Rettung bedrohter Dorfkirchen vor allem in Ostdeutschland. Immerhin 37 Kirchen konnten seit 2001 durch diese Kooperation von privater Stiftung und öffentlichen Förderprogrammen vor dem Verfall bewahrt werden. Jüngstes Projekt ist die Dorfkirche Groß Fredenwalde, für die gestern ein gemeinsamer Fördervertrag unterzeichnet wurde.

Der einzige Gast, den das Geschehen rund um die alte Feldsteinkirche im uckermärkischen Dorf Groß Fredenwalde scheinbar ungerührt ließ, war Meister Adebar. Er stand förmlich über den Dingen, nämlich auf dem Dach des maroden Turmes, um den es den vielen Menschen zu Fuße der Kirche ging: Der Turm droht abzusacken und auf die Empore zu stürzen. Nicht das uralte Storchennest ist daran schuld, sondern der Zahn der Zeit, der überall an dem baugeschichtlichen Kleinod sichtbar nagt und beißt. Abgebröckelte Pfeiler, Löcher in der Feldsteinwand und schiefe, morsche Holzbalken fallen schon dem Laien auf. Experten vom Fach sehen den akuten Verfall noch viel dramatischer. "Bereits 1960 musste der Fachwerkturm wegen akuter Einsturzgefahr um ein Geschoss zurückgebaut werden. Außerdem wurde das Fachwerk bis auf den Glockenstuhl entfernt und der Turmrest, der Geldnot und statischen Zwängen gehorchend, nur noch provisorisch verbrettert", erläuterte der Berliner Architekt Ingo Müller, der die Sanierung betreut. Richtig voran ging es bisher nicht. Das Förderprogramm, "Dach und Fach", aus dem die Kirche Geld erhoffte, wurde plötzlich komplett eingestellt und damit auch die Sanierung, die bisher hauptsächlich von Provisorien leben musste.

1991 wurde eine provisorische Notsicherung des Turms nötig und Stahlträger eingezogen. 2003 musste die Nordwestecke zusätzlich gestützt werden, da sie auf die Renaissance-Empore abzustürzen drohte. "Die Vorlagepfeiler der Westwand haben keine Stützfunktion mehr. Durch Hausschwamm, der mittlerweile einen Großteil der tragenden Hölzer unter der absichernden Stahlträgerabfangung zerstört hat, durch zusätzlichen holzzerstörenden Pilzbefall und die abgesackte Nordwestecke besteht noch immer akute Einsturzgefahr für den Turm", machte auch die baubetreuende Kunst- und Bauhistorikerin Christine Hoh-Slodczyk auf die Sanierungsnot aufmerksam.

Für die Groß Fredenwalder Kirche steht die Uhr des Verfalls fünf nach zwölf. Um so glücklicher zeigten sich gestern nicht nur Bauexperten und Kunsthistorikerin, die die baugeschichtliche Bedeutung der ungewöhnlich großen Feldsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert zu schätzen wissen. Vor allem Kirchen- und Dorfgemeinde fällt ein Zentner Steine vom Herzen, kann doch nun die Kirche buchstäblich im Dorf bleiben und künftigen Generationen Erinnerungen schenken. Pfarrer Michael Uecker machte nicht viele Worte, sondern benutzte vor allem eines immer wieder: "Danke!" Die Frauen des Heimat- und Kulturvereins verpackten ihre Freude poetisch in Lieder und Gedichte, die sie dem historischen Tag widmeten. Denn der war es für die Groß Fredenwalder allemal.

Durch den Fördervertrag, den die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und die Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler (KiBa) an Pfarrer Michael Uecker übergaben, werden in diesem Jahr insgesamt 32 000 Euro für die Rettung der Kirche bereit gestellt. Unterstützt wird die Sanierung außerdem durch die Landeskirche Berlin-Brandenburg, den Kirchenkreis Uckermark sowie die Gemeinde Gerswalde, deren Ortsteil Groß Fredenwalde ist. Das nötige Geld für die Sanierung hätte die kleine Kirchengemeinde mit ihren 79 Mitgliedern niemals aufbringen können, machte Pfarrer Michael Uecker deutlich. Doch die Kirche im Dorf ist vor allem ein Mittelpunkt des Ortes, in dem sich Geschichte und Leben seit Generationen bündelt, ein wichtiges Stück Heimat

Eine wichtige Etappe ist nun geschafft. "Erst einmal muss die Gesamtkonstruktion des Turms dringend instandgesetzt werden", steckt Architekt Ingo Müller die nächsten Schritte ab, der vom Vereinsvorsitzenden und beratenden Statiker Erhard Rieger aus Groß Fredenwalde unterstützt wird.

Gerhard Eichhorn, Geschäftsführer der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, und Martin Ammon von der KiBa-Stiftung konnten sich vor Ort mit vielen Gästen von Landkreis, Denkmalschutzbehörde, Gemeinde und Kirche bei einem Rundgang vom augenscheinlichen Verfall und der Schönheit der Renaissancekirche überzeugen. Ihr Urteil: Das Geld ist gut angelegt.

19 gemeinsame Förderprojekte, davon drei in Brandenburg, sind für 2004 vorgesehen. Groß Fredenwalde gehört nun dazu. Erbaut wurde die Feldsteinkirche im 13. Jahrhundert auf einer Anhöhe mitten im Dorf vermutlich von den Herren von Stegelitz, die auch als Gründer des erstmals 1269 erwähnten Dorfes "Vredenwalde" gelten. Lehnsnachfolger wurde 1498 Bernd II. von Arnim, dessen Nachkommen das Gut Fredenwalde bis zur Enteignung 1945 in ihrem Besitz halten konnten.

Ungewöhnlich ist die Größe der rechteckigen Saalkirche. Die mittelalterlichen Portale und Fenster sind im Quaderwerk der Feldsteinmauer noch ablesbar.

Die Empore der Renaissancezeit, deren Inschrift Stifter und Zimmermann nennt, kündet um 1582 von einer neuen Ausstattung.

Im Dreißigjährigen Krieg 1618 bis 1648 wurde das Dorf samt Kirche verwüstet. 1708 wurde der nur mit Bibelsprüchen verzierte seltene Kanzelaltar errichtet und die Kirche im Stil des Barock umgebaut.

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