DEM UNTERGANG GEWEIHTE SCHÖNHEIT

Vicheler Gotteshaus hat Krieg und Plünderungen überstanden und soll jetzt am Pilz zugrunde gehen

KATHARINA KASTNER

 Marienkirche Bernau
Echter Hausschwamm in der Dirfkirche von Vichel
Foto: FAK

VICHEL. Sie ist längst nicht so mondän wie die großen Kathedralen in Köln oder Paris, aber trotzdem außergewöhnlich: die Dorfkirche in Vichel. Experten bewundern die aufwändige Gestaltung und die Detailverspieltheit an Mauern und Emporen, die nun zusehends zerstört werden. Seit Jahren fressen sich Pilze durch das Innere des Kirchenschiffes.

Um Geld für die Beseitigung des Schwammes aufzutreiben, hatten Pfarrer Stephan Scheidacker und Mitglieder der Kirchengemeinde vor einigen Wochen mehr als zehn Stiftungen angeschrieben. Von denen, die geantwortet haben, kamen ausnahmslos Ablehnungen.

"Anfangs hatte ich noch Hoffnung. Aber jetzt wird mir immer unwohler", sagt die Kirchenälteste Susanne Bergholz, während sie ihren dicken Ordner mit den Briefen durchblättert. Dabei sind zum Beispiel die Absagen vom Amt Temnitz, von der Denkmalbehörde des Landkreises Ostprignitz-Ruppin, vom brandenburgischen Kulturministerium, von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und von der Ostdeutschen Sparkassen-Stiftung. "Das ist frustrierend", resümiert Susanne Bergholz. Denn noch wäre die Kirche zu retten.

Doch laut Gutachten bleibt dafür nicht mehr viel Zeit: Die Holzpodeste, die sehr stark mit dem Echten Hausschwamm befallen waren, sind schon herausgerissen worden. Trotzdem haben sich die Pilzsporen auf die angrenzenden Wände bis hinauf zur Orgelempore ausgeweitet vermutlich begünstigt von der extremen Durchfeuchtung der Putze und der tragenden Ziegelwände.

Stephan Scheidacker, der die Pfarrstelle in der Temnitz-Region vor 20 Jahren übernommen hatte, kämpft in vielen Gotteshäusern gegen die Spuren der Zeit. In Rohrlack beispielsweise wird für einen neuen Kirchturm gespart. In Garz soll die Friedhofsmauer hergerichtet werden. "Doch in der Kirche von Vichel ist die Zerstörung offensichtlich weit größer als ersichtlich und bisher angenommen", schlussfolgert der Pfarrer nach Einsicht in das Gutachten.

Eine Besonderheit unter den Kirchen

  Dorfkirche Vichel - innen
 Großbildansicht

Dabei stellt der 1867 errichtete Backsteinbau in Form einer Kreuzkirche "eine Besonderheit unter den vergleichbaren Bauwerken dar", urteilten die Sachverständigen im vergangenen Jahr. In seinem italienisch-romanisierenden Stil könnte das Vicheler Gotteshaus ebenso wie die Dorfkirche in Langen dem Stüler-Umkreis zuzurechnen sein. Der Erhalt der Kirche sollte deshalb allen Dorfbewohnern am Herzen liegen und nicht nur den Gemeindegliedern, meinte der Pfarrer.

Doch für die Beseitigung des Schwammes, der nicht nur Wände und Podeste, sondern inzwischen fast die gesamte Dachkonstruktion zerfressen hat, sind laut Expertenschätzung 139.000 Euro nötig. "Unser Problem ist, dass die Schwammbeseitigung nicht scheibchenweise, sondern in einem Zuge erledigt werden muss", erläutert Scheidacker. Deshalb braucht die Kirchengemeinde die große Summe so schnell wie möglich.

Der Innenraum einst hübsch und lichtdurchflutet gleicht einer Baustelle: Riesige Balken tragen seit dem Sommer das einsturzgefährdete Dach. Überall Staub, Spinnetze und zerbrochenes Glas.

Hilfe bündeln und vorantreiben

Die Zeit der Gottesdienste ist vorbei. "Wir können hier auch keine Veranstaltungen durchführen, um Spenden einzunehmen. Es wäre traurig, wenn das tatsächlich das Ende der Kirche wäre.", sagt Susanne Bergholz. Die 75-Jährige versucht, die Hilfe für die Dorfkirche zu bündeln und voranzutreiben. Auch wenn sie erst seit wenigen Jahren in Vichel wohnt, fühlt sich die Kirchenälteste mit der Region verbunden. Sie war 1944 aus Ostpreußen geflüchtet und hat das Kriegsende in Gottberg erlebt. Etliche Jahre wohnte die Grundschullehrerin in Nackel und zog dort ihre Kinder groß. 1960 siedelte sie nach Westdeutschland um.

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