Dem Alten hätts gefallen

Der Reitergeneral Georg Freiherr von Derfflinger war einer der berühmtesten preußischen Militärs. Sein wertvolles Grabmal kehrt nach 30 Jahren an seinen angestammten Platz in der Oderbruchgemeinde Gusow zurück.

Von Doris Steinkraus

"Alles in Gusow oder doch alles Beste, was es hat, erinnert an den alten Derfflinger: Schloss, Park, Kirche." Theodor Fontane kam bei seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg auch nach Gusow. Der Ruf des alten Generalfeldmarschalls war hundert Jahre nach dessen Tod immer noch lebendig.

Als "geringer Leute Kind" im österreichischen Neuhofen geboren, legte er in Brandenburg eine der ungewöhnlichsten Karrieren seiner Zeit hin. Ohne jede Schulbildung tritt er in das böhmische Heer ein, wird 1639 Oberst im schwedischen Heer und kommt durch Heirat 1646 nach Brandenburg. Mit dem Geld aus seiner Armeelaufbahn erwirbt er die Güter Gusow und Platkow. Schon 50-jährig tritt er als ältester Generalwachtmeister seiner Zeit in das brandenburgische Heer ein und beginnt mit der Aufstellung von zwei Regimentern. Er nimmt an Kämpfen in Polen und Ostpreußen teil, wird 1657 zum Generalleutnant befördert. Zu seinem 68. Geburtstag 1674 erhebt ihn der deutsche Kaiser Leopold I. in den Reichsfreiherrenstand. Legendär ist sein Einsatz in der Schlacht bei Fehrbellin, die dem großen Kurfürsten der ersten Sieg bringt. Bis 1679 nimmt Derfflinger an allen wesentlichen Schlachten teil. Der alte Haudegen steht noch mit 84 Jahren seinem Kurfürsten zur Seite. Sein größtes Verdienst bestand darin, dass er an der Seite des Großen Kurfürsten das stehende Heer und damit eine Stütze der brandenburgischen Außenpolitik aufbaute.

Trotz seines umtriebigen Lebens bleibt ihm Zeit, auch in seinem Wohnort Zeichen zu setzen. Er beschert den Gusowern einen Park, der Fontane noch 100 Jahre später ins Schwärmen geraten lässt. Auch die Kirche verdankt der Ort seinem berühmtesten Bewohner. Er lässt sie an- und umbauen, war doch die vorhandene "sehr klein, unsauber und unordentlich", wie er auf einer Inschrift am Altar niederschreiben lässt. Derfflinger gilt als ein sehr gottesfürchtiger Mann. Schon zu Lebzeiten lässt er für seine Familie ein Grabgewölbe unter dem Altar errichten.

Sein Sohn Friedrich von Derfflinger beschert nach dem Tode des Feldmarschalls dem Ort einen kulturhistorischen Schatz. Er gibt das Derfflinger-Epitaph, ein Grabmonument für den alten Generalfeldmarschall, in Auftrag und lässt es in der Kirche anbringen. "Die besten Kräfte, wie sie das Berlin der Schlüter-Zeit aufwies, waren bei der Ausführung dieses Denkmals tätig." schreibt Fontane. Doch schon der Literat findet das Epitaph nicht mehr vollständig. Die rechte Hand eines der Engel fehlt. Der Marschallstab des alten Derfflingers ist wurmstichig, außerdem waren die sterblichen Überreste m Grabgewölbe bereits allen Schmucks beraubt. Es grenzt fast an ein Wunder, dass das Epitaph die nächsten zwei Jahrhunderte übersteht. Historische Postkarten zeigen den Kirchenraum, der von dem überdimensionalen Werk geprägt wird. Es hing auch noch, als Soldaten der Wehrmacht 1945 den Kirchturm sprengten. Da die Menschen in der Nachkriegszeit, als jeder Stein für den Wiederaufbau zusammengeklaubt wurde, mit Sandstein nichts anfangen konnten, blieb es auch noch an der Wand, als das Dach längst abgetragen und die Kirche nur noch Ruine war.

Im Jahr 1975 brachte ein Brief der Gemeinde ungewollt die Rettung des Epitaphs. Der Bürgermeister teilte der Denkmalbehörde mit, dass man die Kirchenruine abtragen werde. Wenn man das Grabmal erhalten wolle, solle man es doch bitte abbauen. Die Schule nebenan platze aus allen Nähten. Ein Neubau, einschließlich Turnhalle, musste her. Doch aus dem Abriss wurde nichts. Dafür kamen Studenten der Kunsthochschule Weißensee, um das 300 Jahre alte Epitaph von der Wand zu montieren und in Sicherheit zu bringen. Das Ganze ging ohne große Beteiligung der örtlichen Kirchengemeinde vonstatten. "Ich weiß nur noch, dass es ein Sonnabend im Oktober und dass es ziemlich kalt war", so Gerhard Rückert. Er war damals Pfarrer in Gusow, lebt heute in Werder. "Die Leute hatten ganz schön zu tun, weil die Teile sehr schwer waren. Es sollte doch möglichst nichts beschädigt werden. Für uns als Kirchengemeinde war das eine gute Lösung. Keiner glaubte an den Aufbau der Kirche und so konnte doch das wertvolle Epitaph gerettet werden, ohne dass es uns etwas kostete."

Die Teile kamen in die Komtureikirche Lietzen. Die war zu jener Zeit im Besitz des Volkseigenen Gutes. Auch aus anderen Kirchen waren bereits Dinge hier eingelagert worden. "Mein Mann hatte empfohlen, das Gusower Epitaph hierhin zu bringen. Die Kirche hätte nicht die Möglichkeit gehabt, es zu restaurieren", erinnert sich Barbara Krüger. Ihr verstorbener Mann Kurt war viele Jahre Pfarrer in Lietzen. Seine Überlegung, dass der Staat so zur Rettung wertvoller kirchlicher Schätze beitragen könne, ging auf.

Es scheint wie ein Wink des Schicksals, dass sein Sohn Thomas Krüger heute der zuständige Pfarrer in Gusow ist. Er und die Kirchengemeinde wären allerdings auch heute nicht auf die Idee gekommen, eine Rückkehr des Epitaphs für möglich zu halten. Dafür fehlt der kleinen Gemeinde das Geld. Als jedoch der Heimatverein Gusow-Platkow die Initiative ergriff, stimmten Pfarrer und Gemeindekirchenrat zu. Warum sollte auch nicht ein weiteres Wunder gelingen, wo doch allein durch privates Engagement eine längst verloren geglaubte Kirche im wahrsten Sinne aus Ruinen auferstanden war. Der Bonner Journalist Eberhard Nitschke hatte sich auf einer Reise durchs Oderbruch in die Kirche verguckt und danach eine ungewöhnliche Spendeaktion ins Leben gerufen. Obwohl die Landeskirche und auch die Denkmalpflege wenig von den Aufbauplänen hielten, wurde das Werk vollbracht. Am 18. Mai 2003 weihte Bischof Wolfgang Huber die Kirche wieder ein. Innen freilich ist sie noch immer gezeichnet von den Spuren des Verfalls. Die Rückkehr des Derfflinger-Epitaphs würde nicht nur ein weiteres Stück Identität ins Dorf zurückbringen. Sie würde zweifellos auch ein Zeichen für weitere Arbeiten im Gotteshaus setzen.

Der Verein, dessen Kern aus jungen Männern zwischen 25 und 35 Jahren besteht, will das berühmte Grabmal bis Juni dieses Jahres wieder an seinen alten Platz bringen. Dafür haben der Vereinsvorsitzende Thomas Drewing und seine Mitstreiter schon einiges in Bewegung gesetzt. Die Landesdenkmalbehörde ist mit im Boot, wird das Ganze begleiten. Gebhard Graf Hardenberg, dem die Komtureikirche heute gehört, unterstützt das Rückführungsansinnen ohne Vorbehalte.

Im Archiv des Landesdenkmalamtes hat Drewing schon einige Stunden verbracht, ebenso mit der Suche nach Zeitzeugen und Helfern. Wie den Restaurator Klaus Krupinski, der vor 30 Jahren bei der Demontage und Restaurierung dabei war. Heute arbeitet er mit Oliver Guhr als Restaurator. Gemeinsam haben sie unter anderem umfangreiche Restaurierungsarbeiten am Fürstenwalder Dom realisiert. "Wenn man bedenkt, dass sehr viele Kirchen im Oderbruch durch den Krieg zerstört wurden und damit viele Kunstschätze unwiederbringlich verloren gegangen sind, dann ist dieser um so höher zu bewerten", sagt Guhr. Der Verein hat die beiden Restauratoren bereits um Hilfe gebeten. Denn die Demontage in Lietzen wird nicht einfach. Sechs Teile sind fachgerecht zu demontieren und wieder zusammenzusetzen. Gut 500 Kilogramm schwer ist das Epitaph. Beim Zusammensetzen werden Fugen und Stellen zu restaurieren sein, weiß Guhr.

Mindestens 8000 Euro wird der Verein brauchen, um das ehrgeizige Vorhaben umzusetzen. "Wir schaffen das", ist Thomas Drewing überzeugt. Er denkt an eine Haus-zu-Haus-Sammlung, will ehemalige Gusower um Unterstützung bitten und rechnet auf die Hilfe der kommunalen Gemeinde. Neuhofen, der Geburtsort des alten Derfflingers, hat dem Verein bereits 1000 Euro spendiert. Im Juni wird ein ganzer Bus kommen, um den 400. Geburtstag des ungewöhnlichen Österreichers, der in Preußen Geschichte schrieb, zu feiern. Dass man seiner Person drei Jahrhunderte nach seinem Wirken noch immer so viel Aufmerksamkeit widmet, würde dem Alten sicher gefallen.

   Zur Artikelübersicht