BÖLZKER VEREIN HÄLT DEN VERFALL DES GOTTESHAUSES AUF UND WILL SO GANZHEITLICHE DORFENTWICKLUNG BETREIBEN

"Wir wollen die Kirche im Dorf lassen"

CLAUDIA BIHLER

BÖLZKE - Die Sonne scheint der gelbweißen Katze auf den Rücken, die auf dem Dorfanger verspielt das schöne Wetter genießt. Ein alter Mann lehnt auf dem Zaun und sieht dem Schauspiel zu, der Schnee hat die holprige Pflasterstraße in eine glitzernde Paradestraße verwandelt. Das Idyll scheint perfekt, wenn der Betrachter bereit ist, die leerstehenden Häuser zu missachten und auch die Augen vor der alten Feldsteinscheune zu verschließen, deren Dach über den Balken zusammengestürzt ist.

Geradezu einen beherrschenden Platz nimmt die kleine Dorfkirche von Bölzke (bei Pritzwalk) ein: Mitten im Dorf auf einer Anhöhe gelegen, reckt der Fachwerkbau seine Spitze zwischen Linden in die Höhe. Allerdings: Kirchliche Veranstaltungen finden hier schon lange nicht mehr statt. Der denkmalgeschützte Bau wäre vermutlich längst seinem Verfall überlassen, hätten sich nicht gleich zwei Vereine auf die Fahne geschrieben, etwas für den Erhalt des Gotteshauses zu tun.

"Wir wollen die Kirche im Dorf lassen", sagt Hans Joachim Wede mit Nachdruck. Er ist Vorsitzender des Vereins "Bunte Wiese", der die Kirche ursprünglich als Veranstaltungsort gepachtet hatte. Doch lang allein blieb die "Bunte Wiese" mit ihren Aktivitäten nicht. Nur kurze Zeit später erhielt sie Unterstützung vom "Verein für den Erhalt der Bölzker Kirche", der sich im Zusammenhang mit dem 725-jährigen Bestehens Bölzkes vor fünf Jahren gegründet hat.

Bölzke gehörte als Gutssiedlung ursprünglich einmal zum Klosterstift Heiligengrabe - im Dreißigjährigen Krieg fiel der Ort wüst, erst 1667 siedelten sich wieder Bauern in dem kleinen Dorf an, um dessen Zukunft sich die Bölzker heute Sorgen machen. Reinhard Helm, Vorsitzender des Kirchenfördervereins, befürchtet, dass die Tendenz wieder zur Wüstenei geht: "1946 zählte Bölzke über 200 Einwohner. Heute sind es nur noch 59. Wir müssen in der Prignitz dagegen aktiv werden, dass Orte wüst fallen."

Dreh- und Angelpunkt für die Aktivitäten ist die Kirche. "Wenn mitten im Dorf eine zerfallene Kirche stehen würde, ließe das durchaus auch Rückschlüsse auf die Seelenverfassung der Dorfbewohner zu", meint Helm. Dem Verein geht es dabei nicht allein um die Bausubstanz der Kirche. "Wir sehen Dorfentwicklung unter einem anderen Gesichtspunkt als nur darin, dass die Dorfstraße erneuert wird", sagt Helm, der als Förster im Revier Heidelberg arbeitet.

"Uns geht es darum, dass im Dorf wieder ein paar Veranstaltungen stattfinden, die Gemeinschaft mehr zusammengeschweißt wird und auch ab und zu ein paar Besucher den Weg in den Ort finden." Das ist dem Verein auch in der Vergangenheit mit seinen vielfältigen Aktivitäten gut gelungen. Das Dorffest haben die Leute aus dem Verein so gut organisiert, dass Bölzke drei Tage lang feiern konnte: Mit Schwein am Spieß, mit einem Flamencoabend und vielen Aktivitäten mehr. In den vergangenen Jahren kamen die regelmäßigen Weihnachtsfeiern hinzu, Radtouren, ein italienischer Abend beispielsweise, oder ein Abend, an dem in der Kirche jüdische Musik aufgeführt wurde. Die Besucher kamen zahlreich und von weit her - einige kommen seither immer wieder in die Prignitz.

"Wir haben den Anspruch, dass unsere Veranstaltungen ein gewisses Niveau haben", sagt Helm. Und Wede, der Vorsitzende des Vereins "Bunte Wiese", der inzwischen auch Mitglied im Kirchenförderverein geworden ist, ergänzt: "Wir verkaufen hier kein Bier aus Dosen, darauf legen wir Wert." Die Erlöse aus allen Festen kommen der Bölzker Kirche zugute - die Vereinsmitglieder arbeiten ehrenamtlich.

Nicht allein mit öffentlichen Veranstaltungen, sondern mit weiteren originellen Ideen haben die Mitglieder inzwischen dafür gesorgt, dass der Verein über einen kleinen finanziellen Sockel verfügt. Rund 30 Leute etwa waren zusammengekommen, um drei Tage lang Eichen zu pflanzen - diese Aufforstungsarbeiten wurden vom Waldbesitzer bezahlt und sollen nun in die Sanierung des Gotteshauses fließen. Allerdings: "Aus eigener Kraft werden wir die komplette Sanierung nicht bezahlen können, da sollte sich schon auch die Eigentümerin, die Kirche bereit zeigen, sich zu engagieren", meint Helm. Zwar wurde bereits ein Notdach von der Denkmalpflege unterstützt, doch vieles von dem, was ansonsten in der Kirche bisher erneuert wurde , haben wiederum Sponsoren unterstützt. Das betrifft etwa die neue elektrische Anlage, oder auch die Wiederverglasung mit alten Scheiben. Ein Architekt soll jetzt ein Gutachten erarbeiten, welche Arbeiten nötig sind, damit die Kirche erhalten werden kann, die im Inneren eine für die hiesige Region ungewöhnlichen Rokoko-Schnitzkanzel zeigt.

Auch in diesem Jahr will der Verein wieder mit Aktivitäten Geld für den denkmalgeschützten Bau einspielen: Die Hauptveranstaltung wird wohl das Kürbisfest sein, dessen Spiele und Veranstaltungen sich alle um den Kürbis drehen sollen, zudem wird es einen Wettbewerb der schönsten Kürbisse geben. Für die Veranstaltung, die für den 13. September vorgesehen ist, können sich interessierte Akteure bereits heute anmelden: Unter 03395/ 31 02 01. Die Vereinsmitglieder hoffen, dass sie für diese Veranstaltung Unterstützung aus Mitteln des Prignitzsommers bekommen.

Auch wenn der Veranstaltungskalender des Vereins noch einige Einträge mehr aufweist: Einer fehlt. Die evangelische Kirche nämlich wird auch dieses Jahr keine kirchlichen Veranstaltungen in Bölzke durchführen. Begründung: Der Dorfpfarrer ist überlastet .

 

   Zur Artikelübersicht