ULRICH WORONOWICZ ERINNERT SICH AN EINSTURZ DES GROß LÜBENER KIRCHTURMS UND INHAFTIERUNG DES GERÜSTBAUERS

Trümmer krachten ins Dachgebälk

DOROTHEA VON DAHLEN

GROSS LÜBEN - Als Ulrich Woronowicz die Stelle als Superintendent antrat, da rankte schon ein Baugerüst an der Groß Lübener Kirche empor. Meter für Meter hatte ein Wittenberger Handwerker das Gotteshaus behelfsmäßig bis zum Turmsims eingerüstet. Der Zahn der Zeit hatte an dem Groß Lübener Wahrzeichen genagt und Schäden in der Eindeckung und dem Mauerwerk hinterlassen. Der Gerüstbauer Sebastian Schwesig aus der Elbestadt wollte den Verfall des Turmes stoppen. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Der Wittenberger wurde inhaftiert. Wenig später, am 21. Mai des Jahres 1984, zog ein heftiger Sturm auf, fuhr unter die zum Teil schon abgedeckten Schindeln und riss den kompletten Turm mitsamt Gerüst aus seiner Verankerung. Mit einem gewaltigen Schlag stürzten die Trümmer auf das Dach des Kirchenschiffes herunter und hinterließen ein Bild der Zerstörung.

"Schwesigs Arbeit an der Kirche war den Staatsorganen ein Dorn im Auge", analysiert der heute in Berlin-Spandau lebende Ulrich Woronowicz. Deshalb habe man Schwesig vor Gericht gestellt und zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Wie sich der Geistliche erinnert, lautete der Vorwurf damals auf Missbrauch von Arbeitsmaterial. Denn Bauzubehör war bekanntlich kaum zu bekommen zu DDR-Zeiten. In Ermanglung funktionstüchtiger Gerüststangen war Schwesig also auf Wasserrohrstangen ausgewichen, die er miteinander verschraubte. Das sollte ihm letztlich zum Verhängnis werden. Da er sich auch sonst sehr unkonventionell verhielt und nicht nach den "üblichen Arbeitsschemata" vorging, sperrte man ihn kurzerhand hinter Gitter.

Schwesigs Frau hatte gerade ein Baby entbunden und saß nun ganz allein mit drei Kindern da. Ihren Ehemann bekam sie kaum zu Gesicht, da er in der Normannenstraße in Berlin einsaß. An diese Zeit kann sich Ulrich Woronowicz noch sehr gut erinnern. Denn er unterstützte die alleinstehende Mutter nach Leibeskräften und versuchte ihr Mut zu machen. Dramatische Szenen spielten sich ab, als sie zu ihrem Mann ins Gefängnis wollte, um ihm das Neugeborene zu zeigen. Nachdem Schwesig entlassen wurde, fand auch er im einstigen Superintendenten einen treuen Seelsorger.

Der enthauptete Turm wurde damals nicht wieder erneuert. Statt dessen schloss man die Öffnung mit einem Flachdach, so wie es sich bis heute erhalten hat. Aus Woronowiczs Perspektive hätte es zu diesem Schaden nicht kommen müssen. "Es stimmte nicht, dass Schwesig unkorrekt gearbeitet hat", sagt er. Vielmehr habe der Wittenberger die Baumängel sehr zielgerichtet und mit den vorhandenen Mitteln professionell in Angriff genommen. Dass es zu jenen Zeiten eine Art Zweitwirtschaft gegeben habe, sei im Grunde allen bekannt gewesen. Er selbst habe damals Baubrigaden zusammen getrommelt, um dem Zerfall der Kirchen in der Region Einhalt zu gebieten. Auf offiziellem Wege sei da nichts zu machen gewesen. Der Staat habe sich um den Erhalt der historischen Bauten nicht geschert und nicht selten hätten sich "die Parteiorgane" sogar selbst von ihm die Gerüste ausgeborgt. Den "anderen Weg" zu gehen, sei aber stets sehr gefährlich gewesen. "Man musste immer aus der Hand und ohne Quittung arbeiten", weiß Woronowicz zu berichten.

Dass die Groß Lübener sich zu einem Förderverein zusammen geschlossen haben, um für den Wiederaufbau des Kirchturms zu sammeln, erfreut den Kirchenmann im Ruhestand. "Diese Initiative kann man nur begrüßen", sagt er. Wenn im Juni das 100-jährige Bestehen der Groß Lübener Kirche gefeiert wird, will er auf jeden Fall dabei sein.

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