Sammeln für den Frankfurter Kirchenschatz

Erstes Fenster der Marienkirche ist eine Augenweide in der Weihnachtszeit / Noch fehlt Geld, um das gesamte Kunstwerk wieder herzustellen

JEANETTE BEDERKE

FRANKFURT (ODER) Die Baugerüste in der Frankfurter Marienkirche sind gefallen, der Blick auf den gläsernen Schatz von St. Marien ist pünktlich zur Weihnachtszeit wieder frei. Besucher können das im Mai eingesetzte, mittelalterliche Christusfenster ungestört bestaunen. In der Sakristei können vier noch nicht eingebaute Motive zum Thema "Die Propheten" betrachtet werden. Dort steht auch die Spendenbox des Fördervereins St. Marien.

Inzwischen läuft die Spendensammlung für die Restaurierung des dritten Teils des gläsernen Kirchenschatzes aus dem 14. Jahrhundert, der in den Kriegswirren als Beutekunst nach Russland gebracht wurde, Jahrzehnte in der Petersburger Eremitage lagerte und erst vor dreieinhalb Jahren nach Frankfurt zurückkehrte. Für das so genannte Schöpfungsfenster werden insgesamt 210 000 Euro benötigt. Seit Monaten bemühen sich die Stadt Frankfurt und der Förderverein mit zahlreichen Ideen um erneutes bürgerschaftliches Engagement. Die Spendeneuphorie schien verflogen zu sein, als sich die Deutsche Bundesstiftung Umwelt bereit erklärt hatte, den Großteil der Mittel für die Restaurierung des zweiten Fensters bereitzustellen. Schnell h wurde jedoch deutlich, dass man für das dritte Fenster nicht wieder auf diese großzügige Hilfe bauen kann. Und die Zeit drängt. Denn spätestens 2007 soll der mittelalterliche Schatz komplett an seinem angestammten Platz hängen. Um der Spendenbereitschaft neuen Schwung zu geben, erklärten sich die Ostdeutsche Sparkassenstiftung und die Sparkasse Oder-Spree bereit, jeden neu eingenommenen Spendeneuro zu verdreifachen. Ohne diese Unterstützung sei der Zeitplan in Gefahr, so Oberbürgermeister Martin Patzelt (CDU). 70 000 Euro muss Frankfurt jedoch aus eigener Kraft aufbringen, immerhin knapp 50 000 Euro davon sind bereits gesammelt. "Wir werden es schaffen, weil sich die Bürger zunehmend mit ihrer Kirche identifizieren", zeigt sich Patzelt zuversichtlich. Dafür müsse aber "der Wagen ständig in Bewegung" gehalten werden, mahnt hingegen Fördervereins-Chef Helmuth Labitzke.

Sein Verein hat eine Benefiz-Veranstaltungsreihe mit Konzerten, Vorträgen und Lesungen organisiert. "Wir sammeln Spenden und bringen den Besuchern Wissenswertes über die Kirche und ihre Schätze näher." Für 75 Euro je Stück hat die Stadt zudem deutschlandweit mehr als 100 historische Pflastersteine "verkauft", die im Frühjahr vor dem Westportal der Marienkirche - dem neuen Haupteingang - verlegt werden sollen. 70 weitere Anmeldungen - die Steine tragen die Namen der Spender - gibt es dafür.

In der Werkstatt arbeiten die drei Restauratorinnen inzwischen eifrig an der Aufarbeitung des zweiten Chorfensters, das die Legende vom Antichristen erzählt und als nächstes eingebaut werden soll. "Natürlich können wir aus den Erfahrungen bei der Sanierung des ersten Fensters schöpfen", erklärt Chefrestauratorin Gerlinde Möhrle. Aufwändig und mühsam bleibe das Säubern, Ausbessern und Reparieren der Mosaikscheiben, die von einem Bleinetz zusammengehalten werden, dennoch.

Beim dritten Fenster fehlen überdies sechs Glasfelder ganz. Sie galten bislang als verschollen. Jüngst aber hatten russische Zeitungen veröffentlicht, dass diese Teile der Marienkirchfenster wahrscheinlich im Moskauer Puschkinmuseum lagern. "Von uns hat sie zwar noch niemand gesehen, aber die Indizien sprechen dafür", meint Möhrle. Als Glücksumstand erweist sich nunmehr, dass sich die Restauratorinnen den Ersatz der fehlenden Felder für ganz zum Schluss aufgehoben haben. "Vielleicht gibt es bis dahin einen deutsch-russischen Staatsvertrag, der die Rückführung auch dieses Teils der Beutekunst regelt", hofft Möhrle.

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