Dieter Kliche

"Wir machen das so"

Vortrag, gehalten am 31. August 2002 auf der Veranstaltung der EkiBB: " Bürger fördern Gotteshäuser Die Kirche dankt" im Dom zu Brandenburg/Havel.

"Wir machen das so."

Die Veranstalter haben das Stichwort für meinen Beitrag trefflich gewählt. Es kann in der Tat nur um Stichpunkte zu einem Beispiel gehen. Der erstaunliche Umstand, daß sich in Brandenburg und Berlin inzwischen ca. 100 Fördervereine um den baulichen Zustand von Gotteshäusern kümmern - dieser Umstand gebietet es, die Wege, die wir im zwischen Wittstock und Kyritz gelegenen Ostprignitz-Dorf Teetz gehen, mit denen anderer Vereine zu vergleichen und dabei voneinander zu lernen. Daß dies geschieht und geschehen kann ist in allererster Linie Verdienst des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg. Es hat heute bereits mehrfachen Dank an diese Adresse gegeben. Ich möchte diesen Dank wiederholen, aus der Sicht von unten, von den einzelnen Vereinen aus. Ohne den Förderkreis Alte Kirchen gäbe es den Förderverein Dorfkirche Teetz nicht und vermutlich viele andere Vereine auch nicht. Wir ehemalige DDR-Bürger, die wir mit dem Zentralismus so schlechte Erfahrungen gemacht haben, erfuhren in diesem Falle die segensreichen Wirkungen einer zentralen, einem ganzen Territorium und einer bestimmten Sache geltenden Initiative. Der Nutzen, von den einzelnen Vereinen her gesehen, war: Wege mußten nicht neu erkundet werden, Erfahrungen vermittelt, Leute wurden zusammengebracht, Engagament wurde initiiert und gebündelt, finanzielle Starthilfen gegeben, Öffentlichkeit hergestellt, die Acquisition von Fördermitteln gelehrt, regionale Anliegen aufgegriffen und neu adressiert usw. usw. Sein Satzzungsziel, durch Filiation sein Engagement in der Fläche zu verbreitern, hat der Förderkreis Alte Kirchen glanzvoll erfüllt. Ich nehme mir an dieser Stelle die Freiheit, im Namen aller örtlichen Vereine zu sprechen und dem Förderkreis zu diesem Erfolg herzlich zu gratulieren.

"Wir machen es so."

Dieses 'Wir' und dieses 'so' möchte ich in Ihnen in einigen charakteristischen Bedeutungen erläutern. Ich verweise auf das ausgelegte Faltblatt, in dem Informationen über die Teetzer Kirche und den Förderverein zusammengetragen sind. Das Gotteshaus, dem unsere Initiative gilt, ist zwischen 1857 und 1860 im neuromanischen Stil (mit einigen von Friedrich August Stüler eingebrachten gotisierenden Elementen) erbaut worden. Glaubt man einem Augenzeugen, so waren bei der Weihe 400 Menschen in der Kirche versammelt. Nach meiner Zählung hat die Kirche etwa 150 Sitz-Plätze. Wenn die 400 Leute nicht eine Übertreibung des Augenzeugen, des berichtenden General-Superintendenten sind, so muß es an diesem 11. Oktober 1860 in der Kirche sehr voll gewesen sein, so voll jedenfalls, wie in den folgenden 142 Jahren niemals wieder.

Das Kirchenschiff ist, um Ihnen die Dimensionen der Kirche anschaulich zu machen, 25 m lang, 13 m breit, 8 m Traufhöhe und ca. 12 m. Firsthöhe. - Ein großes (ja zu großes) Gotteshaus und eine zu kleine, ja kleiner werdende Gemeinde. Man darf hier also nicht allein vom Funktionsverlust eines Bauwerkes sprechen, sondern auch von einem ursprünglichen Mißverhältnis zwischen den Bedürfnissen einer dörflichen Kirchengemeinde und den Bedürfnissen nach baulicher Repräsentation von Größe und Macht. Dieses Mißverhältnis ist die Ursache dafür, daß der Kirchenbau, eigentlich immer, mal schneller, mal langsamer, besonders drastisch aber in den Jahrzehnten, in denen Kirche und Staat auf Kriegsfuß standen, in Gefahr des Verfalls stand. Im Jahre 1999, als sich der Förderverein gründete, war der Bau stark gefährdet. Der Glockenstuhl, der Choranbau und der Dachstuhl drohten einzustürzen. Der Kirchanger sollte wegen der Einsturzgefahr der Kirche gesperrt werden. Wenngleich noch Gottesdienste in der abgetrennten Winterkirche stattfanden - das Gotteshaus war aufgegeben worden und sollte seinem Schicksal überlassen werden.

Man kann nun fragen, warum brauchte es 10 Jahre nach der Wende für die Gründung einer solchen Initiative, warum nicht gleich in der Wende, wo die Fördermittel reichlich flossen? Warum erst dann, als sie spärlich und jetzt immer spärlicher fließen? Hier mache ich mir eine These von Thomas Raschke, einem der Aktivisten des Förderkreises Alte Kirchen, zu eigen, die mir sehr plausibel erscheint. Nach den sozialen und politischen Umbrüchen der Wendezeit, in dem sich für ausnahmslos alle Menschen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR das Leben grundlegend veränderte, brauchte es eine Phase der mentalen Beruhigung und der Neueinrichtung des Lebens, bevor wieder an anderes gedacht werden konnte. In dieser Phase mentaler Beruhigung, die für den einzelnen durchaus nicht immer zum besseren oder guten sozialen Standard führte (man denke an die rd. 20 % Arbeitslose in Brandenburg) - in diesen 10 Jahren aber wuchs die Sensibilität für die Werte der Heimat-Region, für den eigenen Ort und die markanten Bauwerke in ihm - und das sind in den brandenburgischen Dörfern eben in aller Regel neben den Herrenhäusern die Kirchen.

Für die Gründung des Teetzer Fördervereins war ein signifikanter Vorgang ausschlaggebend: Im Frühjahr 1999 wurde die durch den Verfall der Kirche gleichfalls stark in Mitleidenschaft gezogene Orgel, die von dem Wittstocker Orgelbaumeister Lütkemüller eigens für die Teetzer Kirche gebaut wurde, an das Stadtmuseum Berlin verkauft. Die Handwerker der Fa. Schuke bauten das Instrument aus der Kirche aus. Die Teetzer aber glaubten, diese Handwerker-Aktivitäten seien der Beginn der Sanierungsarbeiten. Die Aufklärung über diesen Irrtum war zugleich die Initialzündung für die Gründung des Fördervereins. Der Unmut darüber, daß da ein kulturelles Gut an die in dieser Beziehung ohnehin reich ausgestattete Hauptstadt weggegeben wurde, war der Anlaß, daß sich einige Teetzer und Halb-Teetzer (d.h. aus Berlin Zugezogene oder zwischen Berlin und Teetz Pendelnde) zusammenfanden, um zu überlegen, wie die Kirche zu retten sei - anfangs gegen den Widerstand der evangel. Kirchengemeinde.

Wir machen es so

Das fordert deshalb auch eine Aussage über das Verhältnis von Kirchengemeinde und Förderverein. Über die allgemeinen Aspekte dieses nicht immer unproblematischen Verhältnisses, in dem sich Christen und Nicht-Christen in der gemeinsamen Sorge um ein Gotteshaus treffen, ist mehrfach gesprochen worden. Die für Teetz typische Konstellation war: Mit den der Kirche zur Verfügung stehenden Mitteln war das große Gotteshaus, das überdies zu den architektonisch weniger wertvollen Beständen gehört, nicht zu halten. Für die geschrumpfte Kirchengemeinde wäre jeder andere kleine Raum ausreichend gewesen. Durch die Initiative wurde die Kirchen-Gemeinde nun mit dem Argument konfrontiert, daß die Kirche als zentrales Bauwerk des Dorfes nicht nur Sache der Kirche, sondern des ganzen Dorfes ist und unbedingt zu erhalten sei. Dem Eigentümer wurde also von den Nichteigentümern zugemutet, sich gegen sein Interesse und v.a. seine Möglichkeiten weiterhin um die Erhaltung des Baus zu sorgen. Dieses Verhältnis war konfliktträchtig. Daß aber dennoch ein neues Verantwortungsgefühl für das Gotteshaus entstanden ist, können wir (und dieses wir meint Kirchengemeinde und Förderverein) uns als großen Erfolg anrechnen. Dieses gemeinsame Verantwortungsbewußtsein entstand v.a. durch die Rückgewinnung des großen Kirchenraumes. Auch hierzu eine signifikante Szene: Von der unter der Empore vom großen Kirchenraum abgeschlagenen Winterkirche aus, in der die Gottesdienste stattfanden, waren die großen Fenster, die in das Kirchenschiff schauen, mit dichten Vorhängen zugehängt - so als sei der Raum dahinter, indem er nicht sichtbar war auch nicht mehr existent. Und er war es im bestimmten Sinne auch nicht mehr, weil er seit ca. 25 Jahren nicht mehr benutzt und voller Scmutz und Schutt war. Die Wiedergewinnung des Raumes geschah durch ein großes vorweihnachtliches Saubermachen, an dem das halbe Dorf teilnahm und durch die Feier des Heiligen Abends im Jahre 1999 in dem von Kerzen erleuchteteten großen Kirchenraum. Es war ein bewegendes Erlebnis, mitzuerleben, wie die alten und jungen Teetzer, die alten, die sich an den Raum kaum noch erinnern konnten, die jungen, die ihn vielleicht noch nie gesehen hatten, staunend über die Größe und über die Form- und Maß-Schönheit des Kirchenschiffes, das da mitten in ihrem Dorfe steht, den Raum wieder in Besitz nahmen. Seitdem sind die Fenster der Winterkirche nicht mehr total zugehängt, sondern geben den Blick in das Kirchenschiff frei, und seitdem feiert die Kirchengemeinde unter der Teilnahme vieler nicht konfessionell gebundener Bewohner aus Teetz und der Umgebung drei ihrer Festtage (Ostern, Erntdedank und Heilig Abend) in der großen Kirche. Das Kirchenschiff ist an diesen Tagen gut besetzt, am Heiligen Abend bis auf den letzten Platz. So hat der große Kirchen-Raum nun auch wieder gottesdienstliche Funktionen zurückgewonnen.

Wir machen das so.

Das verlangt schließlich auch eine Erläuterung des Wir im engeren Sinn, des Fördervereins und des So, d.h., der Verfahren, wie wir an Geld kommen bzw. an Geld kommen wollen.

Zentrales Ziel des Vereins ist, gemeinsam mit der Kirchengemeinde das Bauwerk zu sanieren, zu pflegen und dauernd zu erhalten. Es geht also nicht um eine einmalige Kraftanstrengung, auch nicht um das Erreichen eines Zieles in einer bestimmten Frist. Wir bieten uns der Kirchengemeinde auf Dauer als Partner an, sie bei der Erhaltung der Kirche nach Kräften zu unterstützen. Ziel des Vereins ist es auch nicht in erster Linie, aus der Kirche eine kulturelle Stätte zu machen. Im Vordergrund steht nach unserem Verständnis weiterhin die gottesdienstliche Nutzung, und erst auf dieser Grundlage soll es um eine behutsame Öffnung für andere Zwecke, v.a. kulturelle gehen. Die Kirche soll Gotteshaus bleiben und nicht zum Kulturhaus umfunktioniert werden.

Unter den Mitgliedern des Vereins (wir sind inzwischen 35), sind Hausfrauen, Intellektuelle, Rentner, auch Pastoren. Wir haben einen Architekten gewinnen können, der in dieser Kirche getauft und konfirmiert worden ist, einen Designer, der unsere Öffentlichkeitsarbeit bildwirksam unterstützt, einen Gymnasiasten und Computerfreak, der für Kirche und Verein eine eigene Web-Seite aufbauen wird, einen Pastor auf Rügen, der mit den ihm anvertrauten Kirchenbauten große Erfahrungen gesammelt hat und an uns vermitteln kann, den Vorsitzenden der Agrargenossenschaft eines Nachbardorfes - ein großzügiger und v.a. regelmäßiger Sponsor, der sich als Mann der Landwirtschaft dem Dorf und seiner Kirche verbunden fühlt. In einer guten Mischung haben wir einheimische, angestammte Teetzer und die sogannnten Zugereisten und Zugezogenen, zwischen denen es in den Dörfern rund um Berlin, sie werden es wissen, nicht selten zu verdeckten oder gar offenen Animositäten kommt, in unserem Verein zusammengeführt.

Sie werden verstehen, warum ich die Frage, wie kommen wir an das Geld für die Sanierung, weitgehend zurückgestellt habe, obwohl diese Frage, das wissen wir alle, die zentrale Frage bei der Erhaltung der Kirchen ist. Den Kampf um die Fördergelder aus Fonds und Stiftungen kennen Sie alle gut genug, als daß ich hier daruf eingehen müßte. Nur soviel und der Vollständigkeit halber: die großen Reparaturen der Kirche (Dach, Dachstuhl und Turm) können wir nur über die Acquisition von Fördergeldern und den dazugehörigen Eigenanteil erlangen. Hierzu laufen Anträge und wir haben Hoffnung, daß wir aus dem Programm Dach- und Fach und aus dem Dorferneuerungs-Programm dafür Gelder bekommen. Wichtig sind aber auch bleibende regelmäßige Einnahmen, die es erlauben die laufenden kleineren Instandsetzungen und Erneuerungen von Fenster und Türen beispielsweise zu bewerkstelligen. Einige der Formen, die wir für diesen laufenden Gelderwerb bislang entwickelt haben, will ich in aller Kürze nennen: Wir veranstalten jährlich zwei Benefiz-Konzerte zum Erhalt der Teetzer Kirche: Das Teetzer Sommerkonzert im großen Kirchenschiff mit anschließendem Buffet, Getränken und Gesprächen auf dem Kirchanger und ein vorweihnachtliches Orgelkonzert in der Berliner Nikolai-Kirche - genau mit der Orgel, die aus Teetz dorthin verbracht worden ist und von der Fa. Schuke meisterhaft restauriert alljährlich Spenden einbringen hilft, um die Teetzer Kirche, ihren Ursprungsort zu erhalten. Wir haben an alle diejenigen in Deutschland geschrieben, die den Familien-Namen Teetz führen. Das Spenden-Echo war nicht unerheblich und wir haben die Hoffnung, daß wir, über den Förderverein hinaus, aus diesen Teetzern eine weiteren festen Stamm von Spendern gewinnen können. In diesem Jahr wollen wir eine neue Tradition begründen, die in der Verbindung von kirchlichem Erntedank-Gottedienst am Vormittag und dem dörflichen Erntefest mit Essen und Trinken am Nachmittag bestehen soll. Die bereits erwähnte Agrargenossenschaft spendet die Viktualien, die Einnahmen vom Buffet fließen dem Förderverein zu.

Für diesen laufenden Spendenerwerb sind Ideen gefragt, und gerade von diesen vielen kleinen Einzel-Aktionen für das große Ziel lebt der Verein, erhält er seine Attraktivität als Ort eines sinnvollen und gemeinnützigen Engagements. Dabei ist allen, die sich für das Bauwerk engagieren, bewußt, daß die Sanierung der Kirche ein mühseliger langer Weg sein wird, und daß es dabei, um die Ziele zu erreichen, immer um Geld gehen muß. Wir sind aber, so hoffen wir, anders als die Geldwechsler und Taubenkrämer, die Jesus aus dem Tempel treiben mußte, weil unser Geldeinnehmen und Geldwechseln eben nicht dem Profit, sondern dem Gotteshaus, dem dominanten Bauwerk des Dorfes dient.

 

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