Zu Besuch bei Fördervereinen für Uckermärkische Kirchen.

Bericht über die Exkursion des Förderkreises Alte Kirchen am 5. Mai 2001.

Unterwegs in der Uckermark. Bewaldete Hügel und sanfte Täler, Seen und Felder, auf denen Gemüse gedeiht und das Korn reift. Und doch begegnet man nur ganz selten Menschen, die diese Felder bestellten. Die Uckermark ist der größte Landkreis Deutschlands und gleichzeitig der am dünnsten besiedelte.

Hin und wieder taucht am Horizont ein Kirchturm auf, blinkt aus dem Tal eine Wetterfahne herauf – Landmarken, die die Mitte eines Gemeinwesens kennzeichnen. Aber: Die Ortschaften in der Uckermark sind weit verstreut. In jüngster Zeit sind die Dorfgemeinschaften durch die Landflucht zusammengeschrumpft, die Kirchengemeinden zählen nur noch wenige Gemeindeglieder. Den meisten alten Kirchenbauten, fast alle unter Denkmalschutz, sieht man beim Näherkommen die jahrzehntelange Vernachlässigung an. Niemand scheint sie mehr zu brauchen, scheint ihnen eine Chance zu geben.

Und doch ist hier in jüngster Zeit einiges in Bewegung geraten. Wer genau hinschaut, sieht hier und da ein Gerüst am Turm, Alte und Junge beim Roden des schon lange ausufernden Gestrüpps rund um die Kirche, sieht Baumaterial neben der Pforte gestapelt, und mancherorts laden Plakate zu Konzerten und anderen Benefizveranstaltungen in die Kirche ein.

Im Bewusstsein vieler Einwohner hat die Kirche wieder jene Stelle eingenommen, den sie räumlich tatsächlich innehat: in der Mitte des Ortes. Sie wird als wertvolles Erbe vorangegangener Generationen angenommen und soll im öffentlichen Leben der Menschen heute wieder ihre Bedeutung als Begegnungsstätte bekommen. In diesem Sinne gründeten sich Fördervereine, in denen eine sehr engagierte ehrenamtliche Arbeit zur Rettung und angemessenen Nutzung dieser besonderen Baudenkmale geleistet wird.

Über das Wirken einiger dieser Förderkreise informierten sich Mitglieder des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg auf einer Exkursion in die Uckermark.

Die Dorfkirche von Jakobshagen
Der Altar der Feldsteinkirche
von Jakobshagen

Der kleinen alten Feldsteinkirche von Jakobshagen sieht man schon von weitem an, dass sie dringend Hilfe braucht. Der hölzerne Turmaufsatz mit der offenen Laterne neigt sich bedenklich zur Seite; es ist damit zu rechnen, dass er bald abstürzt. Aber nicht nur am Turm zeigen sich schwere Schäden ("Alte Kirchen" berichtete in der Ausgabe vom März 2001 im Rahmen eines Spendenaufrufs über den besorgniserregenden baulichen Zustand der Kirche, die mit einem aus zwei spätgotischen Schnitzaltären zusammengesetzten Altaraufsatz eine einzigartige Kostbarkeit besitzt).

Den 26 Mitgliedern des "Fördervereins zur Rettung der Dorfkirche zu Jakobshagen/Uckermark e.V.", der sich vor gut einem Jahr gründete, muss man schon Optimismus bescheinigen, sich an eine solche Aufgabe zu wagen. 230.000 DM wird allein die Sanierung des Turms kosten, der in diesem Jahr zumindest notgesichert werden muss. Alles in allem ist für die Rettung der Kirche die Summe von rund einer Million DM veranschlagt. Dabei wird der Fluss von öffentlichen Fördermitteln immer geringer, die Zahl gebefreudiger Sponsoren auch. Das Dorf ist nicht groß, viele der 190 Einwohner sind nicht mehr die jüngsten und zum Teil arbeitslos, die Kirchengemeinde besteht aus wenigen Getreuen. Und doch gelang es dem Förderverein, dem nicht nur Jakobshagener angehören, schon in dieser kurzen Zeit Leben ins Dorf und in die Kirche zu bringen.

Seit Monaten geben sich hier Künstler aller Genres die Klinke der Kirchenpforte in die Hand. Vereinsvorsitzender Hans-Christian Johannsen hat nicht nur ein pfiffiges Konzept für Benefizveranstaltungen aller Art und ein späteres kulturelles Nutzungsprogramm, sondern auch einen guten Draht zu zugkräftigen Akteuren.

Doch wie in aller Welt bekommt man in einem kleinen uckermärkischen Dorf ein großes Publikum zusammen? "Unsere Veranstaltungen haben sich bereits bis nach Berlin herumgesprochen", sagte Hans-Christian Johannsen. "Wir sind schon zu einer guten Adresse geworden." Geschickte Öffentlichkeitsarbeit zahlt sich also aus, in diesem Falle auch in barer Münze, denn einen Teil der Kosten für die Turmsanierung hat man schon beisammen, wobei auch die Aktivitäten der Dorfbewohner und der Mitglieder des Gemeindekirchenrates zu Buche schlagen.

Sicher sind solche Beispiele nicht in jedem Fall übertragbar, und sicher verlangt das hochgesteckte Ziel neben viel Kraft auch noch weitere Ideen. Den Jakobshagenern und ihren Freunden ist ein langer Atem zu wünschen, der vonnöten sein wird.

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In Boitzenburg hatten die Exkursionsteilnehmer die einmalige Gelegenheit, das uralte Gebälk des gewaltigen Turms der Pfarrkirche St. Marien in Augenschein zu nehmen, ohne erst mühsam die steilen Treppen zu erklimmen. Die Dachkonstruktion aus dicken alten Balken, wo nötig denkmalschutzgerecht durch neues Holz ergänzt, lag ihnen auf ebener Erde zu Füßen: Die Boitzenburger Kirche wird restauriert, und auch hier wurde mit dem schwer geschädigten Turm begonnen.

Dass auf dem Kirchberg mitten im Ort seit einiger Zeit emsiges Treiben herrscht, ist vor allem den Mitgliedern des "Fördervereins St. Marien auf dem Berge" zu danken. Er ergriff die Initiative zur Rettung und Restaurierung der Kirche, eines in seinem Kern frühgotischen Granitbaus (13. Jahrhundert), im 18. und 19. Jahrhundert stark verändert. In DDR-Zeiten hatte zur Erhaltung des Bauwerks kaum etwas getan werden können, selbst die Gruft derer von Arnim fiel dem Vandalismus zum Opfer. Bis Anfang der Neunzigerjahre wurde die Kirche noch genutzt, 1998 musste der gesamte Kirchberg wegen der Gefahr des Turmeinsturzes gesperrt werden. Ein gespenstisches Bild bot damals diese höchste Erhebung direkt in der Ortsmitte: Aus meterhohem Gestrüpp ragten kaum noch die Kirchenmauern, gekrönt vom verfallenden Turm.

Dieser Schandfleck rief schließlich etliche Boitzenburger auf den Plan, die dem ein Ende machen wollten. Sie gründeten 1999 den Förderverein – sicher ohne gleich den wahren Umfang dieses Vorhabens zu erahnen. Als man noch im gleichen Jahr mit den Arbeiten am Turm begann, meinte man es noch mit zwei Bauabschnitten zu schaffen. Aber die Schäden erwiesen sich als so groß, dass man nach Vollendung des zweiten Abschnitts voraussichtlich in diesem Jahr (Kosten rund 590.000 DM) bereits Vorbereitungen für den dritten schaffen muss. Erst viel später wird man sich an die Restaurierung des Kirchenschiffes machen können, resümierte der Vereinsvorsitzende und Vorsitzende des Gemeindekirchenrates Michael Kohts.

Das Allerwichtigste aber ist hier schon geschafft: der Anfang, der erst einmal viel Mut verlangte. Und was diesem Förderkreis seit Anbeginn gelang, ist die Einbeziehung und Nutzung aller örtlichen Möglichkeiten. Die Kommune steuerte bisher für jeden Bauabschnitt 50.000 DM bei (und man hofft, dass es auch beim nächsten so sein wird). Mit den Arbeiten wurden Baufirmen aus dem Umfeld betraut. Der Kirchberg im Eigentum der Kommune ist inzwischen von ABM-Kräften gerodet worden und soll später nach alten Vorlagen neu gestaltet werden. Und der hölzerne Bauzaun, der sich jetzt rund um das ganze Gelände zieht, wurde von Boitzenburger Schulkindern fantasievoll bemalt.

Wo so viele an der Rettung des Baudenkmals beteiligt sind, wird auch über eine spätere erweiterte Nutzung nachgedacht. Die Uckermark und besonders Boitzenburg mit seinem in alter Schönheit neu erstehenden Renaissance-Schloss und den Ruinen des alten Zisterzienserinnen-Klosters Mariatür haben durchaus die Chance, in absehbarer Zeit viele Touristen und unter ihnen auch manche Hochzeitspaare anzulocken. Die alte Grafenloge im erst später angebauten südlichen Seitenschiff ließe sich vielleicht durch eine Glaswand abteilen und könnte einmal das Standesamt und darunter ein kleines Café beherbergen. – erste Überlegungen, bis zu deren eventueller Verwirklichung noch viel Wasser in den Haussee fließen wird.

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In der alten Wehrkirche von Gollmitz liegt ein kleiner Prospekt aus, der in Wort und Bild die reiche Innenausstattung des Kirchleins vorstellt. Ein barocker Altaraufsatz ist da zu sehen, der bis zur Decke reicht, die Kanzel steht auf einer gewundenen korinthischen Säule, die Brüstungen der Emporen und der Patronatsloge sind mit Bildern aus dem Leben Christi und Wappen geschmückt. Von einer Messingtaufschale, einem silbernen Barockkelch und zinnernen Empireleuchtern ist die Rede. Hebt der Besucher den Blick von diesem Handzettel und schaut in den Raum – sieht er nichts von alledem. Die Kirche ist buchstäblich leergefegt; Altar, Kanzel und Taufbecken, aus roten Ziegeln roh aufgemauert, ein Metallkreuz – das ist alles. Man tippt auf eine Bande von Kunsträubern, die irgendwann über das Gotteshaus hergefallen ist, aber nein. Die historische Innenausstattung wurde Anfang der Siebzigerjahre ohne Not in einer Art radikaler Bilderstürmerei herausgerissen, verbrannt, vernichtet, das Interieur überallhin zerstreut. Heute findet man bei Haushaltsauflösungen gelegentlich einige Teile, so die kleine Nottaufschale des Pastors, die exakt zur großen Taufschale passte.

Der "Freundeskreis Gollmitzer Wehrkirche e. V." kämpft seit 1995 um die Rettung der auch baulich geschädigten Kirche, die bisher weder von den Denkmalpflegern noch von der Evangelischen Kirche in einer Liste erhaltenswerter Baudenkmale geführt wurde. Bei der Vergabe von ohnehin immer geringeren Fördermitteln stand Gollmitz stets im Schatten der größeren Objekte wie etwa Boitzenburg.

Vom "vergessenen Kirchlein" spricht Vereinsvorsitzender Jürgen von Chamier und schilderte den Besuchern die Mühsal, bis wenigstens das Dach wieder dicht war. Dafür hatte der Verein durch seine Aktivitäten 160.000 DM zusammengebracht. Nun geht es um die Restaurierung der Kirchenfassade, um ein neues Dach für die Sakristei und den Umbau des maroden Glockenstuhls.

Und wie soll der misshandelte Innenraum einmal neu gestaltet werden? Vorschläge für neue Chorfenster liegen vor, die dem Stilgefühl der heutigen Zeit folgen. Es gibt sogar so verwegene Gedanken, Altar, Kanzel und Taufbecken ganz aus Glas zu arbeiten. Sicher wird gerade darüber noch mancher heiße Disput geführt, aber nachdenken darüber kann man ja mal.

Mit Sammlungen und Benefizveranstaltungen bemüht sich der Gollmitzer Förderverein um weitere Eigenmittel. Doch ohne öffentliche Fördergelder wird man auch hier nicht auskommen können. Es war die Initiative der Gollmitzer, die auch über die Grenzen ihrer Gemeinde hinausschauen, dass sich vor einiger Zeit die Vertreter verschiedener uckermärkischer Fördervereine zusammenfanden, um ihr eigenes Wirken zu koordinieren und die Öffentlichkeit auf die Probleme bei der Bewahrung von Denkmalen aufmerksam zu machen. In einer Petition forderten sie den Kreistag und die Kreisverwaltung auf, ihre durch die Landesverfassung festgeschriebene Pflicht der Bewahrung von Denkmalen weiterhin wahrzunehmen und ihr finanzielles Engagement auf diesem Gebiet zu überdenken.

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Die Franziskaner-Klosterkirche Prenzlau
Die Franziskaner-Klosterkirche Prenzlau

Im hohen, in seiner schönen Schlichtheit beeindruckenden Kirchenschiff der Franziskanerkirche Prenzlau fiel der Blick der Exkursionsteilnehmer auf eine aus bunten Stoffresten gebastelte lebensgroße Puppe. Sie trug ein Schild, auf dem in etwas krakeliger Schrift und in nicht ganz einwandfreier Orthografie "Tolleranz" gefordert wurde. Die Figur war noch übrig vom jüngsten "Tag der Toleranz", der hier jährlich mit jungen Leuten auch aus der benachbarten Förderschule begangen wird.

Es ist also wieder junges Leben eingekehrt in dieser alte Kirche, die eine der ersten von Franziskanermönchen in Europa errichteten Klosterkirche ist. Der Verein "Förderkreis Franziskanerkirche", der sich Anfang diesen Jahres gründete, muss viel Vertrauen in Toleranz und in die Bereitschaft setzen, bisherige Wege zu verlassen und neue Denkmodelle auszuprobieren. Dass der Öffnung so einzigartiger Baudenkmale, deren Mauern jahrhundertelange sakrale Nutzung atmen, auch Grenzen gesetzt sind, macht die Sache nicht einfacher.

"Alte Kirchen" berichtete in der Ausgabe vom März 2001 ausführlich über die Bemühungen des Förderkreises, angemessene zusätzliche Nutzungen zu finden, wobei in dieser Kirche weiterhin Gottesdienste stattfinden sollen. Ein Modell veranschaulicht u. a. den Vorschlag, einen Verbindungsbau zwischen der Kirche und der Förderschule zu errichten. Ein Vertreter des Prenzlauer Förderkreises erläuterte den Exkursionsteilnehmern die Grundidee: Der an der Nordseite der Kirche zu erkennende ehemalige Kreuzgang, der heute zum Gelände der Förderschule gehört, könnte so in bewusster Anlehnung an das mittelalterliche Vorbild neu geschaffen werden.

Der Förderverein macht es sich nicht leicht mit konzeptionellen Entwürfen, ist auf weitere Ideen, Unterstützer und Kritiker angewiesen. Immerhin ist es ihm aber gelungen, die öffentliche Diskussion in Gang zu bringen, und das kann der Sache nur dienen.

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Begegnungen in der Uckermark. Sie bezeugen beispielhaftes bürgerschaftliches Engagement für den Erhalt der vielen in dieser Region in ihrer Substanz bedrohten Denkmale. Ohne das ehrenamtliche Wirken all der Mitglieder gemeinnütziger Vereine wäre inzwischen wohl schon so manches Kleinod aus der Hinterlassenschaft unserer Vorfahren verloren gegangen.

Im Landkreis Uckermark gibt es mehr als 700 eingetragene Denkmale. Seit 1995 reduzierte sich die vom Landkreis für denkmalpflegerische Maßnahmen bereitgestellten finanziellen Mittel auf ein Fünftel, das sind für 2001 gerade mal 100.000 DM.

Fördervereine, wie wir sie trafen, können tatsächlich erstaunliches leisten. Aber sie brauchen öffentliche Anerkennung und Unterstützung.


 
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